Baerish ist ein Unikum in der Politszene. Mitte Mai aus dem Nichts aufgetaucht, dilettiert er seitdem in der nordbadischen Literatur-und Kunstszene. Da Baerish sein Leben auf dem Blog meandthebear.com notiert, stellt er eine Öffentlichkeit her, die ihn als Sloterdijkschen “Denker auf der Bühne” wahrnehme. Baerish scheut dabei nicht zurück, auch sein Privat- und Liebesleben auszubreiten. Um Distanz zu schaffen, greifen er und seine Gesprächspartner auf den Konjunktiv zurück. Im Juni gab er seine Kandidatur für den Bundestag bekannt, was außergewöhnlich ist, denn eigentlich sollte es einen wie Baerish gar nicht geben : er ist ein Bär. Unser Redaktionsmitglied Bruten Butterwek sprach mit ihm.

 

Nach vier Wochen Wahlkampf und zwei Auftritten in der Karlsruher Fußgängerzone und im Rüppurrer Freibad sehen Sie abgekämpft aus, Herr Baerish.

Nennen Sie mich Winston.

Winston, schön, also Sie wirken, du scheinst erholt zu sein, im Gegensatz zu deinen Konkurrenten hast du Farbe.

Ich bin ein Kragenbär. Das vergessen viele.

Steht ein Bär so einen Wahlkampf besser durch?

Die Frage ist doch, regiert ein Bär besser?

Tut er das?

Gewiss. Ich fresse im Frühherbst viel, bis ich rund und fett bin, dann falle ich um.

Sonst wohl auch.

Bitte lass mich ausreden.

Nur zu.

Diesen spöttischen Unterton höre ich heraus. Obwohl ich ein Bär bin. Aber ich möchte die Wahrheit sagen dürfen!

Niemand hindert dich daran.

Ich fresse also ganz gern. Damit ich meine Winterruhe ohne größeres Herumgelaufe rumbekomme – klar, man muss auch mal aufs Klo. Für unser Land heißt das, die Regierung fällt nur im Winter einige Monate aus. Was ein deutlicher Fortschritt zu den vergangenen vier Jahren darstellt.

Wenn du mal wach bist, wie sehen deine Pläne aus, Winston?

Seien wir doch mal ehrlich. Die Finanzkrise und das ganze Gedöns.

Ja?

Die ganze Schuldenmacherei und Geldentwertung hätte es nicht gegeben – ohne Geld. Eines der ersten Ziele meiner Regierung wird es sein, nicht den Euro, sondern das Geld an sich abzuschaffen und zu einem gesunden Tauschhandel zurückzufinden. Die Menschen werden dann wieder den Wert von Dingen, Handlungen und Menschen entdecken.

Mit dir zurück in die Steinzeit?

Warum nicht? So viel falsch haben die schließlich nicht gemacht. Die gab es ja auch ein paar Jahrtausende.

Mammut jagen und Beeren sammeln Ihre Antwort auf die Finanzkrise?

Jawoll, das ist alternativlos.

Respekt.

Ich bin es gewohnt, Dingen ins Auge zu sehen.

Und wenn der Säbelzahntiger schneller ist?

Wir müssen mehr Demut zeigen und Dinge auch mal einordnen.

Stichwort Einordnen. Weder Steinbrück noch Merkel ordnen dich ein. Keiner der beiden Spitzenkandidaten reagiert auf deine Vorstöße.

Zeigt das nicht ihre Verunsicherung? Die Angst vor dem Machtverlust? Steinbrück hat doch gerade zu Trittin gesagt: „Wir wollen den Bären zunächst erlegen, bevor wir das Fell verteilen.“ Ich sehe das als Kampfansage. Am Wochenende wird durchplakatiert.

Derzeit unterstützen dich bei facebook gerade mal 99 Personen.

Was auch reicht. Wir sind schließlich viral. 99 überzeugte Winstonianerinnen und Winstonianer sind mir lieber als 99.999 laue Profile, die irgendwo auf das Like drücken und glauben – glauben ist das richtige Wort, denke ich – damit etwas zu bewirken. Wir 99 sind eine verschworene Truppe. Da wird sich mancher noch wundern. Hier klickt niemand ein Like bei “Die Sonne soll 24 Stunden scheinen” und denkt, die halte sich jetzt daran. Nein. Das sind schlaue Leute. Die denken sich was.
Zu einer Koalitionsaussage hast du dich bisher nicht hinreißen lassen.

Ich regiere allein. Klare Kante. Außerdem, mit wem könnte ich denn? 2006 ließ die Union auf Bruno, den Problembären schießen. Ich werte das bis heute als Angriff auf alle anderen Bärinnen und Bären und Bärenliebhaberinnen und Liebhaber.
Man muss doch offen sein.

Die anderen vielleicht. Ich besitze Werte. Und bin äußerst nachtragend.

Sollte es wider Erwarten nicht klappen mit der absoluten Mehrheit – immerhin trittst nur du in einem einzigen Wahlkreis an, was dann?

Carlo Schmidt hat mal gesagt:
„Und da ist eine der Hauptaufgaben, die die Intellektuellen zu leisten haben: die Verwirklichung des alten Hugenottenwortes „Savoir resister“ – Widerstand leisten können. Neinsagen können nicht bloß Tyrannen gegenüber – das ist relativ leicht –, jeden Tag muß man nein sagen können gegen etwas, das glaubt, es sei schon deswegen legitim, weil es gestern schon bestanden hat.“ Daran halte ich mich.

 

Im Gegensatz zum Spitzenpersonal der konkurrierenden Parteien, wird sich Baerish in der Woche vor dem Wahlsonntag aus der Öffentlichkeit zurückziehen und auf Lesereise nach Wien und Budapest gehen. “Was gesagt werden konnte, wurde bis dahin gesagt. Man muss den Leuten auch mal Ruhe gönnen. Außerdem können fast alle denken.”

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