“Im Supermarkt kaufte er stapelweise Steinofenpizza, die er zu Hause ungeschickt aus den feuchten Kartons schälte. Manchmal reihte er sich bei McDonald’s in die Schlange. Was schmeckt denn hier besonders gut, fragte er ein Mädchen […].”

Annette Pehnt: “Ich muß los”, Roman, 125 Seiten, München 2001.

Als ein moderner Bartleby wird er vorgestellt, der aufhört zu sprechen, als er im zarten Kindesalter merkt, dass niemand die Wahrheit hinter den Dingen und Beziehungen hören will. Seitdem knackt der Kiefer, wenn er den Mund öffnet, gähnt oder doch einmal das Wort erhebt.

Dorst.

Der Vater hört auf zu essen, stirbt und der Heranwachsende verschließt sich der Gesellschaft.

Wieder Dorst.

Was schmeckt denn hier besonders gut, fragte er ein Mädchen.

Was schmeckt denn hier besonders gut, fragte er ein Mädchen.

 

Gottseidank belässt es Annette Pehnt in ihrem Romandebüt aus dem Jahr 2001 nicht bei diesem schalen Einstieg und verzichtet darauf, ihren Protagonisten Dorst zu einer experimentellen Figur zu machen, an der eine Theorie durchexerziert werden soll. Im Gegenteil gelingt ihr ein höchst lebendiger und angenehm zu lesender Text, der eine Krise in Dorsts Leben zum Anlass nimmt, sein Leben anekdotisch zu erzählen und nach langer Schleife, in der flüssig vereinzelte, letztlich doch aber zusammenhängende Episoden eingearbeitet werden, mit ein wenig mehr Verständnis für den Charakter zurück zur Figur zu kehren.

“Dann bitte hier hinten, sagte der kleine Kellner und führte Dorst an einen Zweiertisch neben der Garderobe. Kommt noch jemand dazu, fragte er. Wieso, sagte Dorst.”

 

Zu Anfang wird der Tod des Vaters erwähnt, der stattfindet, als Dorst gerade dem Kindesalter entwächst. Der Autorin ist es zu danken, dass sie es bei der kleinen Andeutung belässt und den Verlust nicht zum Motiv aufwertet. Das Interessante an ihrem Protagonisten stellen nicht seine Gründe und Motive dar, sondern sein Verhalten, das bei näherem Betrachten gar nicht so eigentümlich erscheint. Dorst flieht und gibt damit einem menschlichen Grundbedürfnis nach, tut das jedoch in jeder Minute.

“Ich muß los”, sagt Dorst, wenn ihm eine Situation, ein Gespräch oder ein Kuss zu brenzlig wird. “Ich muß los” und er rennt schon aus der Wohnung, “ich muß los” und drischt den Minigolfschläger gegen die Kniescheibe des “Stiefvaters”. Bis er irgendwann darüber sein eigenes Leben verpasst hat.

Jedem dürften solche Reaktionen aus eigener Erfahrung bekannt sein, doch hier wird die vereinzelte Übersprungshandlung ins Exemplarische gesteigert und Dorst als Getriebener entwickelt, der seinem Fluchtreflex immer öfter entspricht, ja entsprechen muss, da der Korridor schmaler und schmaler wird mit jedem weiteren Wegrennen und andere Reaktionen nicht mehr gestattet.

Annette Pehnt setzt die Figur nicht aufdringlichen Blicken aus und widersteht auch der Versuchung, billigen Spott aus ihrem Schaden zu ziehen. Stattdessen steigt sie ein, als Dorst versucht umzukehren, den stotternden Gang, in den er verfallen ist, wieder in Gleichklang mit den anderen zu bringen und nachzuholen, was ihm so fehlt, wovor er aber immer davongerannt war: das Zusammensein mit anderen Menschen, eine Frau – Liebe. Aber Pehnt ist zu sehr Realistin, als dass sie Dorst auf eine Tour de Soap schicken würde, an deren Ende die vermeintliche Erlösung und Begründung der Torturen stände. Immerhin schenkt sie ihm ein Happy End. Den Courths-Mahler-Leser wird es nicht zufriedenstellen, Dorst jedoch sehr wohl.

Dorst lässt sich mit einer Schuhverkäuferin Gun ein, als er die zu klein gewordenen Schuhe des Vaters abstreift, und versucht es auch mit der Schnellwäscherin Jasmin, als ihm die Chemische Reinigung die väterlichen Hemden nicht mehr recht zu säubern scheint. Aber erst Elner wird ihm ein neues Hemd schenken, damit die alten schwarzen Stoffe endlich im Kleiderschrank hängen bleiben dürfen. Aber die Pädagogisierung durch die Lehrerin scheitert und Dorst “muß los” und hier hakt der Text ein und beginnt seine interessante Zeitschleife, an deren Ende ein Wiedersehen mit Elner und Dorst stehen wird.

“Ich lade dich ein zum Tanz, sagte er. Ich lade dich ein zum Tanz, sagte neben ihm ein Mädchen mit verstellter Stimme und lachte. Der Türsteher hatte gewölbte Lippen und auf dem Oberarm ein keltisches Muster.”

Die Randbemerkung des Vaterverlusts bleibt dabei Randbemerkung und wird nicht zum Motiv, sondern Steigbügelhalter für schöne Bilder. Dorst ist nicht in die tradierte Welt hineingewachsen, ihre Regeln und Verhaltensmuster sind ihm fremd geblieben, sie beängstigen und lassen Reißaus nehmen. Dorst, der sein Abitur mit Eins Null ablegte und danach einfach nichts mehr tun wollte, erfindet sich eine eigene Tradition.

Als Stadtführer der “anderen Art” bringt er Touristen an die wenig sehenswürdigen Orte der Stadt und erfindet für 20,- die Stunde absurde Geschichten zu einzelnen Lokalitäten. Der Schweigsame und Menschenscheue spricht von der großen Bedeutung der Bratwurstschnecke für die Entwicklung der Stadt, erfindet einen Fledermauszüchter in der Domspitze und den unter Gebäckhagel ablaufenden wöchentlichen Auftritt der Ehrenbürgerin der Stadt – seine verstorbene Tante Lollo – auf ihrem Balkon.

Freiwillig beginnt Dorst, sich in Situationen zu bringen, in denen er Kontakt zu anderen suchen und herstellen muss und während er seine Biografie in die Geschichte der Stadt hineinphantasiert und die Touristen eifrig nicken, überspringt er für kurze Momente sein Einzelgängertum und wagt es, Elner anzusprechen. In ihr hofft er die Freundin zu finden, die er als Teenager hatte haben wollen und mit ihr isst er endlich das Hefegebäck, das sein Jugendfreund Gregor damals an seine Jugendliebe verfüttern durfte.

Annette Pehnt verfügt über eine geschliffene, kontrolliert und bewusst eingesetzte Sprache. Sie weiß um die Bedeutung von Wort, Rhythmus und Satz und vermag einen sprachlichen Zusammenhang herzustellen, mit dem sie elegant die Geschichte webt und zu fesseln vermag. Sprachwitz und Lakonie sind ihre Stärken, Entwicklung und Führung gute bekannte. Dies zeigt sich bereits in den ersten Worten des Romans: “Ich muß los”.

“Wir sind doch damals, sagte Herr Quoirin, über die Alpen ohne Gangschaltung, das kennt ihr gar nicht mehr, Beinarbeit war das, echte Beinarbeit.”

Zum einen finden sich die Fluchten Dorsts vor Begegnung, Nähe und Zuneigung hineingepackt, zum anderen schwingt auf anderer Ebene die unbewusste Gewissheit mit, nun tatsächlich “los zu müssen” – das eigene Leben einzuholen und endlich beginnen zu wollen. So freut man sich, auf ein gutes Stück neuer deutscher Literatur gestoßen zu sein, das zwar kein Meisterwerk ist, sich jedoch ungeniert auf den vorderen Plätzen der Nachwachsenden zu behaupten vermag. Pehnt ist keine Provokateurin, noch neigt sie zu oberflächlichen und trivialen Erklärungen. Wo nichts verstanden und erklärt werden kann, lässt sie Raum.

Wo andere Plakatives tapezieren, gibt sie Mensch hinzu. Das reicht und das ist gut so!

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