Delphic sind Meister der Setlist. Wie sonst ist es zu erklären, dass mich ihr Konzert an diesem Mittwochabend im Frankfurter Nachtleben in solches Entzücken versetzt, nachdem in den zwei Wochen zuvor kein Tag verging, an dem ich nicht den Kauf dieser Konzertkarte bereut hatte? Delphic am 6.3.2013 im Nachtleben/Frankfurt.

Blind und voller Vertrauen in das Schaffen dieser jungen Herren hatte ich zugeschlagen, erst dann habe ich mich mit ihren neuen Stücken beschäftigt. Ein Fehler, denn selten hat eine vielversprechende Band ein zweites Album so dermaßen vergeigt wie Delphic. Nach dem meisterhaften Debüt „Acolyte“ aus dem Jahr 2010, das alternativen Dancefloor geschickt mit Indiegitarren mischt, Hit an Hit reiht, wie aus einem Guss klingt und nachhaltige Euphorie erzeugt, ist der Nachfolger „Collections“, nomen es omen, eine eklektische Ansammlung von Popsongs. Überflüssige Popsongs. Unter diesen erinnert allein die Single „Baiya“ an den Glanz früherer Tage, und selbst hier wurde ordentlich Popweichspüler über den Song gekippt, auf dass er im Formatradio Platz finde. Ansonsten blieb mir von „Collections“ vor allem eine Stelle mit üblem Gerappe und eine Assoziation mit dem indiskutablen Spät-80er-Teenie-Phänomen BVSMP im Kopf.

Auch die Voraussetzungen im Frankfurter Nachtleben sind an diesem Abend nicht die besten. Das Newcastle Brown Ale, auf das ich mich zum Trost schon den ganzen Nachmittag lang gefreut hatte, ist von der Karte verschwunden. Stattdessen gibt es Warsteiner und einen deutschen Support Act. Julius Gale ist ein höflicher, junger Mann, der live zu dünn klingender Konservenmusik aus seinem Laptop singt. Eine Anti-Stimmungskanone, dessen Hauptähnlichkeit zu Delphic in einer Vorliebe für elektronische Klänge sowie einer stylish homosexuellen Optik liegt. So ist die Stimmung um kurz nach 22 Uhr, als die britischen Hipster endlich die Bühne betreten, im Saal verhalten und bei mir am Gefrierpunkt.

Und dann geht’s los. Zunächst bekommt man gleich mal „Baiya“ um die Ohren gehauen, das ohne Unterbrechung in den Überhit „Halcyon“ übergeht. Volltreffer. Das Konzept von 2010, die Songs gleichsam zu einem DJ-Set verschmelzen zu lassen wurde offenbar nicht aufgegeben. Ein erstes Aufatmen. Auch die Indiegitarre kommt in „Halcyon“ zum Einsatz, und die Musik ist voll, flächig und wunderbar laut. Nein, ein leibhaftiger Drummer ist durch nichts zu ersetzen. Ob so ein umgreifender Hallensound in die Wohnzimmeratmosphäre des Nachtleben passt, sei dahingestellt.

Besorgte Jugendliche greifen jedenfalls zum Ohrenschutz, wohl dem, der nichts zu verlieren hat und sich in vollem Umfang auf die Reise mitnehmen lassen kann. Denn die Überwältigungstaktik geht auf. Nach drei Songs in Folge eine kurze Begrüßung, dann wird die Ravemaschine sofort wieder angeworfen. Die Mischung ist geschickt. Die nichtssagenden neuen Songs sind showtauglich aufgepumpt, bereits zur Hälfte hat man sie praktisch überstanden und Delphic besinnen sich auf das fantastische Material der ersten Platte.

Mit dem Dreiergespann „Red Lights“, „This Momentary“ und „Doubt“ erreicht das Konzert seinen Höhepunkt. High Energy, die nie zum dumpfen Technorave wird. Immer wieder schimmert der Indiehintergrund durch, immer wieder zeigt sich die Verspieltheit der Elektroniktüftler, nie wird der Wille zur Party aufgegeben. Die perfekte Mischung. Für mich zumindest. Sogar das neue Lied, mit dem man den Set beendet, gefällt mir plötzlich. Vielleicht muss ich das Album doch noch mal hören? Nö, eher nicht, denn im Zugabenteil gibt es noch „Counterpoint“ und das quasiinstrumentale „Acolyte“, beides Songs von der ersten Platte, beides Songs, bei denen die gute Stimmung noch einmal zum euphorischen Hochgefühl wird. Noch muss ich Delphic also nicht aufgeben.

Ein gutes Gefühl.

 

Klaus König via http://koenigskultur.blogspot.de

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