Nach über 15 Jahren ein Blick zurück auf die Protagonsten des damaligen deutschen Literaturwunders. Dieses Mal Zoe Jennys Blütenstaubzimmer/Teil1 

Muss das sein? Es muss sein. Denn das Hochjubeln und Abfeiern des Romans im Feuilleton und die Überhäufung Zoe Jennys mit Preisen (3sat-Stipendium im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, aspekte-Literaturpreis) hat Wirkung gezeigt. Äußert man Unmut über die Autorin und Unlust, das Buch zu lesen, fallen ansonsten intelligente, besonnene und geschmackssichere Menschen – na sagen wir wie’s ist: vor allem Frauen – über einen her und machen einen mit dem nicht ganz unbegründeten “Erst mal lesen, dann dissen” mundtot. Also gut. Erst mal lesen. Bei soviel Lob muss ja eigentlich was dran sein.

“Eine so rundum gelungene erste Erzählung habe ich lange nicht mehr gelesen” (Hajo Steinert, Die Zeit)

Der Inhalt ist schnell erzählt: die Eltern der Protagonistin Jo leben getrennt, sie wächst bei ihrem Vater auf. Nach dem Abitur reist sie zu der im südlichen Ausland lebenden Mutter und wohnt eine Weile bei ihr und ihrem Lebensgefährten. Dabei entwickelt sich zur Mutter nicht die Nähe, auf die Jo gehofft hatte. Die Zeit verstreicht, und am Ende löst Jo sich sowohl von der Mutter als auch vom Vater, der inzwischen auch eine neue Lebensgefährtin gefunden hat, mit der er zusammenwohnt. Diese Thematik gibt an sich einiges her.Kicking the can all over the place

Während sowohl Vater als auch Mutter neue Beziehungen eingehen und für sich selbst neue Familien schaffen, bleibt Jo als Überbleibsel ihrer zerbrochenen Ehe zurück. Jos Leben entwickelt sich nicht weiter, die Familie, die sie sich wünscht, kann sie nicht wiederherstellen, in die neuen Familien von Vater und Mutter kann bzw. will sie sich nicht integrieren. Die Zuwendung des bemühten Vaters kann dessen “Verrat”, eine neue Beziehung eingegangen zu sein, nicht aufwiegen. Ebenso werden die Erwartungen, die Jo an ein Wiedersehen mit der Mutter knüpft, nicht erfüllt, da dieser jeglicher Bezug zu der lange verlorenen Tochter fehlt und sie außerdem nach dem Tod ihres Lebenspartners Alois zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, als dass sie erahnen könnte, was in ihrer Tochter vorgeht. Doch all dies klingt interessanter, als es tatsächlich ist.

Vater und Mutter bleiben blasse Figuren, allein aus der Perspektive Jos wahrgenommen. Statt einer Ausarbeitung des Spannungsverhältnisses zwischen Jo und ihren Eltern erfährt der Leser in quälender Langatmigkeit alles über den Seelenzustand Jos, und die nur 120 Seiten Roman wollen einfach zu keinem Ende kommen. Oft kann man sich dabei des Eindrucks nicht erwehren, man lese das Tagebuch einer Spätpubertierenden.

Nun ist es sicherlich nicht falsch, in schwierigen Lebensphasen Dinge, die einen bewegen, niederzuschreiben, um sich Erleichterung und im besten Fall Klarheit zu verschaffen. Aber wer würde auf die Idee kommen, eine solche Niederschrift als Roman zu veröffentlichen? Noch dazu mit all ihren erzählerischen und stilistischen Mängeln?

Im “Blütenstaubzimmer” finden sich wieder und wieder all die Begebenheiten und Stimmungszustände, die 14 bis 18jährige gerne ihren Tagbüchern anvertrauen. Jo, die sich im Bett wälzt und nicht schlafen kann bzw. schlecht träumt; Jo, die durch die Stadt irrt und sich dabei von ihrer durchweg feindlichen Umwelt ständig bedroht fühlt. Verkäuferinnen fahren sie an, sie möge sich nicht an die Schaufensterscheibe lehnen, zwölfjährige Jungs zwingen sie, tote Schmetterlinge zu kaufen, und im Bus haben die Menschen den “Massenmörderblick” im Gesicht. Alltag einer Empfindsamen. Die Situationen wiederholen und gleichen sich. Dazu kommt Pubertät in ihrer schlimmsten Ausprägung:

“Auf der Beerdigung meines Großvaters, während alle mit gesenkten Köpfen dasaßen, begann ich plötzlich loszulachen. Einfach so, ohne Grund.”.

Kenn ich. Meine Mitbewohnerin bekam am Ende des italienischen Arthouse-Rührschinkens “Il Postino” einen nicht mehr zu bremsenden Lachanfall. Einfach so, ohne Grund.

“Hier zeigt sich ein Talent, das zum Schreiben geboren ist” (Süddeutsche Zeitung)

Doch nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich ist Zoe Jennys Roman in höchstem Maße unbefriedigend. Ihr erzählerisches Unvermögen scheint Jenny mit einer Masse von Metaphern kaschieren zu wollen. Das schadet dem Roman jedoch mehr als es ihm nutzt. Ungelenk werden Bilder ständig mit “wie” eingeleitet: Tonströme hüpfen wie tausend kleine Gummibällchen in Jos Bauch; das Herz rast in der Brust wie ein eingesperrtes wildes Tier; das Leben der Mutter ist ein großes Geheimnis wie ein hungriges Raubtier, das den Boden, auf dem Jo zu gehen gedenkt, rücksichtslos verschlingt. Es sei hier im übrigen nur beiläufig festgestellt, dass Raubtiermetaphern nun auch nicht gerade die unverbrauchtesten sind. Was jedoch schwerer wiegt, ist die Schwammigkeit der Bilder.

Der bereits erwähnte “Massenmörderblick” der Menschen im Bus ist dabei einfach nur unbeholfen formuliert. Wie es besser geht, demonstriert Jakob Arjouni in “Magic Hoffmann” (1996), wenn er schreibt

“Die wenigen Leute, die Fred entgegenkamen, trugen zugeknöpfte Mäntel und machten Gesichter, als gingen sie jemanden ermorden”.

Bisweilen ist Jenny jedoch nicht nur ungeschickt in ihren Formulierungen, sondern lässt ihre Leser ratlos zurück. Was bitte sollen z.B. “kleine, harte Angstkugeln” sein? Oft hat man den Eindruck, es sei Jennys Absicht gewesen, selbst die banalsten Sachverhalte als große Literatur zu formulieren. Und so ist es nicht einfach bewölkt, sondern “graue Wolkenfetzen fahren über die Sonne hin”. Jo schwitzt nicht, sondern der Schweiß rinnt aus ihrem Körper, “als brenne darin eine schrecklich Sonne”. Besonders schlimm wird es dann, wenn ihre Metaphorik nicht nur diffus ist, sondern Bilder einfach nicht funktionieren:

“Im Tageslicht sind die Straßen der Stadt Adern, die zu zerbersten drohen, und die Menschen und Autos strömen einer Überschwemmung gleich darüber hinweg”.

Überschwemmung über den Adern? Sätze sollten doch trotz aller dichterischer Freiheit noch irgendwie Sinn machen.

“Mit ihrem ersten Roman traf Zoe Jenny eine ganze Generation mitten ins Herz” (Stern)

Wenn Zoe Jenny nun also weder eine Geschichte erzählen kann noch eine große sprachliche Begabung ist, so dass sie den Leser zumindest mit einzelnen Miniaturen, Episoden oder nur Sätzen erfreuen könnte, bleibt die Frage, ob sie zumindest etwas zu sagen hat, ob sie tatsächlich, wie vom Feuilleton behauptet, das Sprachrohr einer ganzen Generation ist. Ist sie nicht. Das beginnt schon mit ihrem Sprachstil. Obwohl Jahrgang 1974 schreibt Jenny bisweilen so gestelzt und geschraubt als sei sie eine berufsjugendliche ZDF-Serienautorin, die, obschon Mitte 50, einen peppigen, authentischen Dialog unter Jugendlichen verfassen soll. Die flotte Schreibe liest sich dann so:

“Heute abend geh ich auf eine Technoparty, wenn ihr wollt, könnt ihr mitkommen. Hab auch Ecstasy für euch.”

So spricht Nicola, der Freund von Jos Freundin Lea. So spricht die Jugend. Die Signalwörter “Techno” und “Ecstasy”, die auch noch der letzte Rentner im Bayrischen Wald mit jugendlich verbinden kann, sind drin. Ähnlich hölzern geht es weiter, wenn Lea Nicola antwortet:

“Nein, nein, lieber kein Ecstasy diesmal, (…) weil ich dann tagelang wieder so tot bin”.

Wen könnte es überraschen, dass Jo sich im Gedränge besagter Party dann unwohl fühlt und sogleich wieder ihre halbgaren Assoziationen auspinnt:

“Im Licht des Stroboskops sehe ich nur noch einzelne Körperteile (…) Ich selbst bin Teil einer großen Körpermaschine, die zittert und sich aufbäumt und einen hysterischen Lärm veranstaltet, gegen die schreckliche Stille im Kopf.”

Für den Roman selbst hat die Episode keinerlei Bedeutung, und man kann sich der Vermutung nicht entziehen, dass die ganze Technopartygeschichte nichts weiter als ein bemühter Versuch Jennys ist, den eigenen Roman zeitgeistiger zu gestalten.

“Ein fulminanter Erstlingsroman. Das Blütenstaubzimmer wird schnell mehr als eine Kindheitsgeschichte – es ist eine (sic) der ersten und radikalsten Roman der Technogeneration, adressiert in aller Härte an die 68er Eltern” (FACTS)

Doch die Rechnung mit dem Zeitgeist ist aufgegangen, denn Verleger und Feuilletonisten waren von der jugendlichen Authentizität des Romans offensichtlich begeistert. Mehr noch schienen sie in Jennys Roman das, was sie immer wieder so verzweifelt suchen, gefunden zu haben. Den Schlüssel zu einer Jugend, die sie nicht verstehen. So erklärt es sich auch, dass aus Jos Eltern flugs und ohne schlüssige Belege im Text die 68er-Eltern werden, an die das Buch “in aller Härte” angeblich adressiert ist. Aus der an sich nicht ungewöhnlichen Geschichte eines Scheidungskinds wird auf diese Weise von übereifrigen Redakteuren und Rezensenten eine Anklage der Technogeneration gegen die 68er-Generation gezimmert. Da war der Wunsch der Vater des Gedanken, denn so hätten sie die Anklage wohl gern, die 68er: leicht nachvollziehbar und in einer Sprache, die sie kennen. Kein Wunder also, dass es genau diese 68er sind, die Jennys Roman nach seinem Erscheinen in den Himmel gehoben haben.

Wenn der Inzuchtbetrieb des deutschen Feuilletons Zoe Jenny auf den Leim geht, ist das allerdings nicht weiter schlimm. Schlimm wird es erst dann, wenn ebenjene “Jugend”, die Jenny angeblich so treffend charakterisiert, glaubt, “Das Blütenstaubzimmer” handle tatsächlich von ihr und ihrer Lebensrealität. Sicherlich finden sich in Jennys Roman Szenen und Situationen, die jeder kennt und schon mal erlebt hat. Jeder schläft mal schlecht oder fühlt sich im Gedränge eines Linienbusses unwohl. Eine Zustandsbeschreibung einer ganzen Generation, wenn so etwas überhaupt (noch) möglich sein sollte, ist das “Blütenstaubzimmer” jedoch keineswegs. Wer hier sein Lebensgefühl wiederfindet, dem möchte ich mit Loriot antworten: “Vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht…”.

Und so bleibt mir nur noch eine letzte Rezension zu zitieren:

“Das Blütenstaubzimmer ist existentiell-konventionell große Scheiße, gediegen talentfreier Mist” (Stefan Gärtner, Titanic)

Dem ist nichts weiter hinzuzufügen. Die Zitate aus FACTS, der Zeit, der SZ und dem Stern finden sich auf dem Buchrücken der Taschenbuchausgabe des “Blütenstaubzimmers”, die hervorragende Polemik Stefan Gärtners findet sich unter dem Titel “Angstkugeln im Mörderbus” in Titanic 1/99.

 

Klaus Koenig

 

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