Das erste richtige Problem fängt für die 39-jährige Doris damit an, dass sich ihr jahrelang treu ergebener Mann, der in ihrem Leben nur noch die Rolle einer nie vorhandenen Putzfrau ersetzt, von ihr scheiden lassen will. Da scheinen die zahlreichen Affären, heimlichen Urlaube und Schwarzgeldanlagen doch nicht so professionell vertuscht, wie sie einst geglaubt hat. Und von dem Kind in ihrem Bauch weiß die gewohnte Herrin der Lage auch noch nichts.

 

Michael hat jetzt schon zum zweiten Mal in diesem Monat vergessen, die Toilette zu putzen. Er wird beachtlich nachlässig was unseren Haushalt betrifft, denke ich mir und überlege mir im gleichen Moment eine angemessene Strafe, die ich ihm erteilen werde, wenn er von seinem alltäglichen Fitnessstudiobesuch heimgekehrt ist. Diese Pflicht diktiere ich ihm ebenso, da er sich in Form halten muss, wenn er weiterhin mit mir verheiratet sein will, was in seinem schwammig werdenen Alter von dreiundvierzig Jahren absolut nötig ist.

Zwischenzeitlich kredenze ich mir nun ein paar Scheiben eines Baguette Viennoise, die ich mit Trüffelsalami, Steinpilzbutter und einer Prise Meersalzmischung mit Rosmarin aus den Abruzzen veredele. Dazu erlaube ich mir zweihundertfünfzig Milliliter Hummersuppe aus der Einwegflasche, kalt serviert. Praktisch ein Statussymbol. Beim Frühstück fängt meine Affinität für Statussymbole an, bei Wohnungen hört sie auf. Denke ich. Ganz zu schweigen von meinen Autos, meinen Urlauben und meinen unverzichtbaren Champagnerpartys. Was ich jedoch nie besessen habe, ist eine Putzfrau.

Feine, kalte Hummersuppe

Feine, kalte Hummersuppe

Für jene Zwecke habe ich meinen Mann. Michael. Eine andere Funktion erfüllt er seit mehreren Jahren nicht mehr. Dafür giere ich umso mehr danach, eine konsequente Hierarchie in meinem Eigenheim zu bewahren und diesen minderwertigen nutzlosen Einfaltspinsel zu unterdrücken. Zugegebenermaßen habe ich durchaus einen gesunden Machtwahn, finde daran jedoch keinerlei Nachteile. Warum auch? Sollte mir einmal einer im Weg stehen, würde ich dessen Niedergang erkaufen, denn ich will nur noch kaufen und nicht mieten. Bisher kenne ich auch keinen Gegenstand, keinen Zustand oder gar Gefühl, dass ich mir nicht leisten könnte.

Beim Überschuss dieser Gedankenflut lache ich laut durch die fünfundneunzig Quadratmeter meines Wohnzimmers und genieße mein alltägliches Morgenritual, stets im Bademantel gekleidet zu sein bis der Concierge mit dem Einkauf zurückkommt. Dass ich nicht selbst den Gang in den Supermarkt wage, hat mehrere Gründe. Vor allem fühle ich mich jedes Mal beobachtet oder werde von dem Gefühl verfolgt, mir würde jemand nachspionieren. Bei der Bekanntheit meines Gesichts wäre dies sogar kein Zufall, denn mein äußeres Erscheinungsbild ist der Mitwelt ebenso lokal wie mindestens über einen Umkreis von sechshundert Kilometern durchaus geläufig.

Um mich möglichst ausgiebig von der Außenwelt fern zu halten, wohne ich nicht umsonst im zweistöckigen Penthouse mit separatem Hintereingang inklusive Fahrstuhl, der ausschließlich mir und meinen Bediensteten zur Verfügung steht. Es besteht jedoch keinesfalls die Tatsache, dass ich Menschen anhaltend meide. Nein, es gibt in meinem Leben lediglich Tageszeiten, speziell die Morgenstunden, in denen ich Platz für meine Privatsphäre benötige. Abends werde ich mich sowieso wieder kaum vor Konversationen, Autogrammen und Sexangeboten retten können. Wobei ich mir bei einem kleinen Teil der heutigen Nacht bereits jetzt schon sehr sicher bin, wie dieser enden wird.

Ich werde nämlich Julius Borsig abschleppen.

Abschleppen ist ein schönes Wort, dass ich extrem oft und furchtbar gerne erwähne. Jedes Mal, wenn ich es ausspreche verwandelt sich mein Mund in ein jugendliches Lächeln, dass sich kurz darauf sofort in lautes fieses Lachen korrigiert. Sollte Julius sich jedoch nicht abschleppen lassen, werde ich ihm neun Gläser Champagner spendieren. Die optimale Menge, um Männermodels unter fünfundzwanzig Jahren gefällig zu machen.

Lale Nikki Eggers

 

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