Spiel, Satz, Match Kessel. Martin Kessels “Herrn Brechers Fiasko” wurde vor 11 Jahren neu veröffentlicht, blieb danach weiterhin unentdeckt, schlägt dabei doch Döblins Mummenschanz “Berlin Alexanderplatz”. Dillmanns großer Verriss.

Kessels Roman, eine Bürogeschichte aus den Berliner “Golden Twenties” zu Beginn des letzten Jahrhunderts sei unangenehm, vertrackt, nicht psychologisch und was weiß ich nicht alles, um es übersetzen: ein schläääächter Romaaaaan, es hat mich gelaaaangweiiilt.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0d/Kirchner_-_Bildnis_Dr_Alfred_Döblin.jpg

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Jedem seine Meinung: Herrn Brechers Fiasko ist wesentlich besser als einige der Besprechungen, wohl war einigen Rezensenten der Roman zu lang und ihre kostbare Kritikerzeit etwas zu schade, sodass sie eben voneinander abschrieben, wie so häufig. Zugegeben: Kessels Roman verliert im letzten Drittel an Intensität und Überzeugungskraft, zuvor aber erhält man über die Schilderung des Beziehungsgeflechts im Büro einer großen Berliner Versicherung Einblick in die Umstände des Arbeitsalltages, die luzider und treffender nicht sein könnten. Die Figuren sind psychologisch äußerst geschickt gestaltet, sie interessieren den Leser, die Positionen kontrastieren leitmotivisch und heben sich gegenseitig auf, es findet eine Entwicklung statt, man muss weiterlesen, da das Buch fesselt. Der Großmeister der Kritik, und viele seiner Schergen, sehen bzw. sahen das bei der Wiederveröffentlichung nicht so. Um zu vernichten, greift der Kritiker dann leider auch bereitwillig zum germanistischen Baseballschläger. Ein Idol muss her, ein großes Vorbild, etwas Herrliches, Großes, Epochemachendes, Würdiges, Modernes und doch Klassisches, dass man dem zu kritisierenden Produkt entgegenhält, um dieses noch kleiner machen zu können. Die Folie ist hier, türlich türlich, sagen die Germanisten, Döblins Berlin Alexanderplatz.

Dies, so die Kritiker, sei der wahre Berliner Großstadtroman, der die zwanziger Jahre zur Zeit der Weimarer Republik genial erfasse und mit einer an Originalität nie da gewesenen stilistischen Technik, mit Montage und Collage, und man höre und staune, dem “inneren Monolog” (Boah, ey!!) für Furore sorge und sich in die Ewigkeit der Hirnwindungen aller Germanisten einbrennen konnte. Gegen diesen Ausbund an Moderne, an Wahrheit, an Schönheit muss ein kleines Licht wie Kessel natürlich abstinken. Fall erledigt, Klappe bzw. Vorhang zu, da keine Frage offen, wie gut dass man sich auf Klassiker berufen kann. Oder sollte man doch noch einmal genauer nachsehen bzw. lesen?

“… und manchmal verbergen sich hinter hübsch geschmückten Mumien stinkende Kadaver!”

Den Text vielleicht selbst mal in die Hand nehmen, das einst und heute im trägen Ritual abgefeierte und zum Sternchenthema in endgültiger Apotheose vergötzte Monumentalwerk? Besser wäre das schon! Denn bei genauerem und nicht in speicheltriefender Verehrung erstarrendem Betrachten kommt einem bei Döblin einiges gar nicht mehr so genial vor. Der Roman schildert die Erlebnisse des ehemaligen Transportarbeiters Franz Biberkopf, ein sozial depravierter und tumber Mensch, der wegen des brutalen Mordes an seiner Verlobten Ida vier Jahre im Gefängnis Tegel zubrachte. Endlich entlassen, hat er bei der Reintegration in den Alltag so seine Mühen, das schlechte Gewissen plagt ihn, trotzdem bemüht er sich, zukünftig “anständig” zu bleiben. Bei Gelegenheitsjobs wird er von einem Kollegen böse gemobbt, der vom Erzähler so genannte “erste Schlag”, im späteren Verlauf lässt er sich auf den Gangster Reinhold ein, der ihn fasziniert (warum, erfährt man eigentlich nicht so genau). In seiner absoluten Naivität realisiert er nicht, dass der angebliche “Obsthandel”, den Reinhold und sein Boss Pums betreiben, Diebestouren sind.

Ohne etwas zu ahnen, wird zum Schmierestehen genötigt, auf der Flucht vor der Polizei wird er von Reinhold aus dem Auto gestoßen. Dieser “zweite Schlag” endet für Franz mit dem Verlust eines Armes. In der Folge bemüht sich Franz gar nicht mehr um Anständigkeit, bewusst geht er der Hehlerei und Zuhälterei nach, eine neue Frau (Mieze) kreuzt seinen Weg, auch mit Reinhold nimmt er, unverständlicherweise, wieder Kontakt auf. Es kommt, wie es der Erzähler im nervig didaktischen Duktus angekündigt hat: Reinhold ermordet Mieze, Franzens “dritter Schlag”, Reinhold wird später gefasst, Franz landet in der Irrenanstalt Buch bei Berlin, in der ihn der “Schnitter Tod” persönlich besucht, ihn über die begangenen Fehler freundlicherweise aufklärt und aus Franz einen “neuen Menschen” macht. Natürlich absolut genial bis hierhin, sind Sie meiner Meinung? Tolle Geschichte, doch doch! Aber das ist ja nicht alles.

“Jing und Jang, schwarz und weiß, Gott und Teufel, VfB und KSC, 60 und Bayern usw. usw.”

 

Döblin (dessen andere Werke, bis auf die “Ermordung einer Butterblume” im kollektiven Bewusstsein vollständig verschwunden sind, warum wohl?) gilt ja auch als Modernisierer. Genialerweise gibt es nämlich keine auktorialen allwissenden Erzähler mehr, wie bei diesen alten Fontane-Schinken, und da gilt ja Döblin in Deutschland und natürlich somit auch weltweit als erster und einziger, der mit innerem Monolog und erlebter Rede gearbeitet hat (na ja, o.k., vorher waren noch dos Passos und Joyce und Schnitzler und hat nicht Thomas Mann ab und zu mal mit erlebter Rede… wie war das noch mit dem Beginn der “Buddenbrooks”?). Es kommt noch besser: eine unglaublich ausgeklügelte Collagiertechnik schafft es, den Moment des Unmittelbaren der Großstadt, der Hektik, der Routine, des Lärms dem Leser zu vermitteln. Texte unterschiedlichster Couleur werden regelmäßig in die Handlung eingeflickt, seien es Werbebroschüren, amtliche Verlautbarungen, Zeitungsartikel, aber auch vieles andere wird gepflegt hineinmontiert, Kinderlieder, Kriegslieder, Volkslieder, Schlager, dazu möglichst viele Bibelzitate, ein wenig Expressionismus hier, ein bisschen Rätselraten für Anfänger dort. Nun, irgendwie muss ein epochales Werk ja auch auf über 400 Seiten anschwellen, denn die Geschichte selbst gibt nun eben nicht besonders viel her.

Dieser Franz Biberkopf ist eben eine gänzlich traurige und langweilige Figur. Döblin hat in seinen Schriften bewusst die Abkehr vom Psychologisieren beschworen. Daran hält er sich. Biberkopf ist nur ein tumber, naiver, dummer und triebgesteuerter Egomane, der von einer Dummheit zur nächsten taumelt. Schön und gut, aber nach einer gewissen Zeit eben ästhetisch wenig ansprechend. Und wenig rätselhaft, wenig bewegend. Frauen behandelt er wie Dreck, seine Raufereien sind ab und zu einen müden Lacher wert, beim vierten oder fünften Mal aber wird auch das langweilig. Politisch ist er vollkommen naiv bzw. desinteressiert. Auch sein Schöpfer, der gelernte Medicus Döblin, besticht nicht mit sehr großer Hellsichtigkeit bezüglich der politischen Situation im Jahr 1929. Außer ein paar völkischen Zeitungen und einer Hakenkreuzbinde ahnt Döblin noch wenig. Die eine oder andere historische Einlassung ist dann doch ganz nett, Schwulenversammlungen und Kommunistenversammlungen und Gewerbetreibendeversammlungen und Versammlungen in Kneipen, ja, ein wenig schwappt das Flair des Weimarer Berlin zu uns herüber. Schade, dass man dabei immer sehr lange auf die rote Linie des Handlungsganges warten muss.

Aber halt, ruft da der Liebhaber: Übersehen Sie da nicht die mythologische Tiefe, den lebensphilosophischen Gehalt diese Romans? Die Leitmotivtechnik, die Bibelparaphrasen, Döblins Privatglauben? Den moralischen Impetus des Schlusses? Leider nein, leider ist das nicht zu übersehen, es stößt vielmehr unangenehm auf. Einige frühere Kritiker meinten, dass man doch so wertvolle Texte und Bezüge (Bibel!) nicht mit einer Geschichte aus dem Proletariermillieu “verunreinigen” dürfe. Das ist meiner Meinung nach nicht das Problem.

Literarisch ungut und logisch nicht stringent ist vielmehr die Verwendung der Bilder und die damit transportierte, völlig unausgegorene Lebensphilospophie Döblins. Zwei Seiten stellt Döblin mehr oder weniger gekonnt gegeneinander: die Hure Babylon, die immer wieder als Symbol des Drecks, der Versuchung, der Hybris, von Sex und Gewalt und Egomanie auftritt und Franz (natürlich symbolisch) in ihren Bann zieht und den Schnitter Tod aus Brentanos romantischem Lied, der Franz, so wird einem klar, vor dem von der Hure symbolisierten Lebenswandel retten will, indem er Franz zur Umkehr bewegt. Franzens Fehler deckt der Tod im neunten und letzten Buch des Romans dann auf: er hätte nicht so selbstverliebt, so eigensüchtig sein sollen. Er hätte auf andere Rücksicht nehmen sollen. Er hätte nicht so egoistisch sein sollen. Große Weisheiten, zugegeben, also auch wirklich großes Tennis von Döblin. Er verwurstet hier eine Art Ganzheitsphilosophie (Jing und Jang, schwarz und weiß, Gott und Teufel, VfB und KSC, 60 und Bayern usw. usw.), die Vorstellung von einem universellen Lebenszusammenhang von Leben und Tod.

Franz begeht nun während seiner Zeit den “Fehler”, den Tod nicht als Element dieser Universalität zu akzeptieren, er weigert sich nicht nur, er kämpft dagegen an, will sich durchsetzen, ist aggressiv und rappelt sich immer wieder auf. Der Gestus des Eroberns (symbolisiert auch durch eine Dampframme am Alexanderplatz, “wumm wumm” und durch unvermittelt eingestreute Napoleons und Cäsars und Nebukadnezars) löst sich erst ganz am Schluss auf in die von Döblin favorisierte Position des bereitwilligen Opfers. Franz muss und soll das Leiden akzeptieren und anerkennen, den Tod freudig entgegennehmen, den Todesstoß begrüßen. In seinem Sinne modelt Döblin auch die biblische Geschichten von Isaaks Opferung und Hiobs Leidung um. Die freudige Akzeptanz des Leidens und Unglücks als Voraussetzung der Heilung.

Mehrere Szenen aus den Berliner Schlachthöfen sollen, über einige Kapitel hinweg, nicht nur Berliner Flair vermitteln, sondern auch die vorbildliche Opferhaltung der Schlachttiere, von den Schweinen über den Stier bis zum Kälbchen sich steigernd, demonstrieren. Franz lernt erst in der Irrenanstalt Buch, das eigene Leiden anzunehmen, Opfer zu sein, er erhält noch einmal eine neue Chance und wird aus einem Dauerkoma ins Leben zurückgeholt. Die Zahl der Leitmotive ist Legion, ob die griechische Mythologie mit Orest und Menelaos, ob Adam und Eva, Hiob und Issak, die Hure oder wer auch immer bemüht werden. Aber: Masse ist nicht gleich Klasse, Logizität lässt sich nicht gewichten. Der Roman scheitert am Ende, Döblin selbst hat es in einem Brief an den Germanisten Petersen zugegeben, dass ihm hier die Fäden entglitten sind, dass er selbst nicht so genau wusste, wo er und mit ihm sein Held, der zum “neuen Menschen” mutiert, hin wollte bzw. durfte. Auf einer Seite wird nach einem zähen Marathon der Versuch unternommen, die divergente Geschichte und all ihre Aspekte auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen.

“Berlin Alexanderplatz” ist in meinen Augen ein Paradebeispiel literarischer Werke, die vor allem deswegen gefeiert werden, weil keiner der Kritiker eingestehen will, dass er selbst eigentlich nicht genau versteht, was Döblin hier sagen will. Dabei wäre das gar keine Schande: Döblin wusste es ja offensichtlich selbst nicht.

Wer einfach nur die Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit der Aussagen um ihrer selbst willen feiert, traut sich nur einfach nicht zu, den Finger in die Wunde eines missglückten Roman-Endes zu legen. Franz ist also nach dem dritten Schlag wiederauferstanden, er ist jetzt viel reflektierter, wenn auch kein Gramm intelligenter, er schwört sich, “wach zu sein”, auf andere zuzugehen, sich “zu kümmern”, die “Augen auf” zu behalten, nicht mit anderen zu “marschieren”, das “Schicksal” nicht hinzunehmen, sondern es “anzufassen” und zu verändern. Aber was nun? Was ist die Lehre, für die sich Döblin und seine Leser so abgerackert haben, die der Erzähler uns gierig schon am liebsten im Vorwort mitteilen will? Ein Appell an gelebtes Mitmenschentum? Ein bisserl Political Correctness gefällig? Ein Appell an die Solidarität aller Menschen oder vor allem der Proletarier? Eine Warnung vor dem Faschismus (These Helmut Koopmanns)?

Der Konflikt des Individuums kontra Macht des Schicksals? Ach so: wo bleibt eigentlich die leitmotivische Opferhaltung? Ist sie noch zu erkennen? Hier wird einfach nur herumgewickelt und gewackelt, dass es eine wahre Freude ist. Ist schon die dem Roman innewohnende Philosophie krude und merkwürdig, dann sollte ein talentierter Autor diese wenigstens auch selbst respektieren und konsequent gestalten. Döblin kann das nicht, er konnte das auch nicht im theoretischen Bereich. Seine poetologischen Ausführungen widersprechen sich, ebenso die Schriften zu seinem metaphysischem Weltverständnis, gespeist von fernöstlichem und christlichem Kladderadatsch. Eigentlich kein Wunder, dass es in der Praxis ebenso hapert.

Trotz dieser Mängel hat es dieser Roman nun einmal in den Rang eines Buches von Weltruhm gebracht, leider ist niemand mehr bereit dazu, alte Fetische zu entzaubern oder zumindest zaghaft in Frage zu stellen. Natürlich wird man dem Berlin Alexanderplatz historischen Wert zusprechen müssen, Zeitkolorit, Erzähltechnik, Stilistik sind, das bleibt Döblin ja unbenommen, zu dieser Zeit außergewöhnlich und noch originell. Für den Konsumenten von Literatur bleibt aber eine oft langweilige, sich zäh oder gar nicht bewegende Geschichte mit tumben und uninteressanten Figuren, die kaum Lesegenuss bereiten kann. Die bildungsbürgerliche Proskynese vor Döblins äußerst unhandlichen, klobigen Block harter Prosa ist demzufolge nicht angemessen. Ganz im Gegenteil zu Martin Kessels “Herrn Brechers Fiasko”, aber dieser Roman wird wohl immer hinter dem verehrten Monolithen ein Schattendasein führen. Leider.

Bruno Dillmann

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