Sándor Márai, 1900 geboren und 1989 von eigener Hand aus dem Leben geschieden, veröffentlichte “Die Glut” 1942. Äußerlich unbeeindruckt vom ansetzenden Weltenbrand, zeichnet er ähnlich wie Schnitzler in seiner genialischen Novelle “Leutnant Gustl” die Befindlichkeit einer ausgehenden Epoche am Innenleben eines Offiziers nach. Sándor Márai: “Die Glut/A gyertyák csonkig égnek”, Roman, 219 Seiten, München 2001/Budapest 1942, aus dem Ungarischen von Christina Viragh.

So wie “Leutnant Gustl” einen Archetyp umfasst und in jeden Zeitabschnitt fruchtbringend transferiert werden könnte, da Schnitzler sich dem Menschlichen und Allgemeinen widmet, ohne die Besonderheit der Situation außer Acht zu lassen, weitet auch “Die Glut” die historische Spange und lässt ihren Protagonisten weitgehend unabbhänig von seiner Epoche handeln, sprechen und und über Zeitloses und Allgemeines theoretisieren. Während der Österreicher auf die Eigenschaft des Menschen abhebt, oktroyierte Wertmaßstäbe in Ermangelung eigener anzunehmen und sich in ihnen zu einem willfährigen Paragraphen zu verbiegen, beleuchtet der Ungar die Grundbegriffe Freundschaft, Hochmut und Feigheit. Dass seine Hauptfigur ein k.u.k-General ist, mag das Beginnen zwar erleichtern; doch bald schon scheint er durch jeden anderen Typus ersetzbar und könnte auch “Oberstudienrat” oder “Supermarkt-Filialleiter” heißen.

“Der General erkannte die Schrift, nahm den Brief und steckte ihn in die Tasche. Er trat in die kühle Vorhalle und reichte dem Jäger wortlos Stock und Hut.”

Mit wenigen Federstrichen entwirft Márai die Mattigkeit und Einsamkeit des Generals und lässt Kindheit und Jugendzeit in einem längeren Rückblick dem Greisenalter gegenübertreten. Der General ist 75 Jahre alt, lebt abgeschieden von den Wirren der späten 30er auf seinem Schloss in Ungarn, als man ihm den Besuch eines alten Freundes anzeigt. Es ist der Jugendfreund, Konrád, den er zum letzten Mal vor 41 Jahren gesehen hatte, bevor der Gefährte auf rätselhafte Weise aus seinem Leben verschwunden war. Gemeinsam hatten sie die k.u.k-Kadettenschule in Wien besucht, waren dem KaiserKönig begegnet und später als Offiziere in seinem Dienst gestanden. Castor und Pollux wurden sie genannt und wie wahlverwandte Zwillinge verhielten sie sich auch.

Budapest im Winter

Budapest im Winter

Dass der eine arm und der andere reich war, wurde von der Freundschaft mühelos überbrückt. Allein Konráds besondere Befähigung zur Musik stand zwischen ihnen. Sie vermochte die Leidenschaft in ihm zu entfachen, das Gefühl verstärken und ihn auf wortlose Weise Brücken zu anderen Menschen schlagen zu lassen, während seinem Kameraden Henrik jener Zugang verwehrt blieb und die Noten nur als Krücken dienten, den Schwung des Walzers zu halten und ihm des Abends die Damen zuzutreiben.

“Ninis Gesicht war rosarot und runzelig – edle Stoffe altern so,  jahrhundertealte Seide, in die eine Familie ihre ganze Handfertigkeit und alle ihre Träume hineingewoben hat.”

Als die beiden 75jährigen Männer wieder gemeinsam am Tisch sitzen und speisen, ergreift der General die Gelegenheit, endlich das Geheimnis aufzudecken, dessen Beantwortung er entgegenwartet seit 41 Jahren und das nur von Kónrad gelüftet werden kann. Er berichtet, wie er damals am Tag des Bruchs auf der Jagd den Freund hinter sich das Gewehr hatte spannen hören und ohne sich umzudrehen fühlte, wie der beste Freund den Lauf der Waffe auf seinen Hinterkopf richtete. Geschossen habe Kónrad nicht, doch die Absicht sei es gewesen, die ihn ihm alles verwirrte und ins Chaos stürzen ließ. Zwar habe er den Freund danach nicht direkt auf das Ereignis angesprochen, doch sein Schweigen sei so verräterisch gewesen und die rasch erfolgte Flucht in die Tropen hätte   alles offensichtlich gemacht. Die Zwischenfälle des letzten Abends ließen nicht allein den Verdacht des “Brudermords” sich verdichten, sondern auch den Ehebruch, um dessenwillen die Tat wohl geplant gewesen war.

“In den vergangenen Stunden hatte das Schloss zu leben begonnen wie eine aufgezogene Apparatur.”

Wie sehr der General sich plagt, wie unter der harten Oberfläche alles brüchig und in den letzten 41 Jahren erodiert ist, wird von Márai geschickt auf die sprachliche und inhaltliche Ebene der direkten Rede transponiert. Es wird deutlich, dass die peripetische Ballung seines Schicksals vor 41 Jahren den General zwar auf der Bahn hat bleiben lassen, sein Inneres jedoch aus den Schienen schleuderte.

Antworten auf seine verschachtelnden, kreisenden Fragen will er auch 41 Jahre später nicht hören, wie sehr es ihn drängen und in alle Richtungen schieben mag. Immer wieder fällt er Kónrad ins Wort, wenn jener auflösen könnte, eine Geste unternimmt oder auch nur die Mimik ändert. Eine Veränderung der Perspektive wird nicht gewünscht, der Gast nur als schweigsamer Gegenüber benötigt, durch dessen Gegenwart der abgeredete Wortschwall den Schimmer von Legitimation und Wahrhaftigkeit erhält.

Auch wenn künstlerisch gewollt und bewusst als Stilmittel eingesetzt, vermag jenes endlose Monologisieren nicht lange zu interessieren. Des Generals Worte sind nicht dumm und selbstgerecht, doch nur soweit tief, dass sie in der Hoffnung gelesen werden, endlich etwas Greifbares und Erklärendes in Händen halten zu dürfen. Tatsächlich ist der Entzug einer Erklärung das den Roman formal wie inhaltlich durchwirkende Prinzip und am Text selbst wird verdeutlicht, was in der Theorie angestrebt. Und das langweilt, weil die Absicht schnell erkannt.

Das bloße Berichterstatten des Greises vermag nicht über 100 Seiten zu fesseln. Zwar wird ex negativo über dem weitgehend trivialen und substanzlosen Geschwätz der Charakter eines Menschen konturiert, der ins erkenntnistheoretische Vakuum gestürzt ist – allein die Geschichte, in die doch so kunst- und mühevoll eingeführt wurde, bringt das nicht weiter. Was zu einem Kammerspiel zweier Figuren, ja selbst zum Duell des Generals mit sich selbst hätte werden können – nur ein kleiner Zusatz “Kónrad” wäre vonnöten – gerät zur schalen Selbstbespiegelung im Schädel des müden Protagonisten.

“Wichtig ist, dass man am Ende mit seinem ganzen Leben antwortet.”

Was, wenn der Mordanschlag gar keiner gewesen ist? Die Ehefrau nicht die Ehe mit Kónrad gebrochen hat? Dessen Flucht kein Schuldeingeständnis, sondern zum Schutz des Generals geschehen war, nämlich dessen keimendes Misstrauen und Abseitsgehen nicht weiter zu befördern, sondern einzufrieren durch den Entzug des spiegelbildlichen Partners?

Da der General weder in ihrem Gespräch noch damals tatsächlich nach Antworten gesucht hat und er des Lesers einzige “Wahrheits-”Quelle bleibt, mag jenes denkbar, vermutlich sogar die tatsächliche “Wahrheit” Kónrads sein. 8 Jahre lang hat Henrik nach jenem Zwischenfall seine Frau angeschwiegen, bis jene starb und 41 Jahre lang gewartet auf die Rückkehr Kónrads, um unwidersprochen die eigene Wahrheit legitimieren zu können.

Schön wäre es, wenn Márai nur eine kleine Fährte in diese Richtung geben würde; sie würde den Roman emporheben und zu einem meisterlichen und nicht allein gehaltvollen Stück Literatur machen. Doch leider muss zuviel von außen hinein phantasiert werden, als dass jene geistige und emotionale Höhe dem eigentlichen Text zugeschrieben werden dürfte. Das Versprechen, das durch Beginn und durchdachte Komposition gegeben, wird von diesem Roman nie eingelöst. So bleibte eine geschickt geschriebener Bericht; zwar angelegt zur Größe, doch da leider allzu schnell sein Geheimnis enthüllend, bald ermattend und Kónrad wie auch den Leser mit seiner Geschwätzigkeit überfahrend.

 

Bruten Butterwek

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