Jeder hat seinen Ziggy Hero. Einer zu dem aufgeschaut wird, der sich abseits des Mainstreams bewegt, charismatisch eine Gefolge erzeugt und das Versprechen auf ein Sein außerhalb der reglementierten Gesellschaft lebt. Die meisten Ziggys enden fünfzigjährig im öffentlichen Arbeitsmarkt, wo sie auf Rasenmähern hocken und, das schütter gewordene Haar erschlagen mit einer Handvoll Brillantine, in karierten Hemden vor  staatlichen Gebäuden über dem Rasen kreisen.

Oder sie haben es uns gleich getan, die alte Haut abgestriffen und sich in den Leistungsprozess der sozialen Marktwirtschaft an bequemer Stelle eingegliedert. Der Glanz ist vergangen, der Lack abgeblättert, wenn wir sie wiedertreffen. Früher waren die Ziggys groß und Stars und man schämt sich nun ein wenig dessen, was einem wieder begegnet. Bevor die Traurigkeit einen einholt und an sich selbst erinnert, schleicht man rasch davon und sprengt alte Brücken mit einem: “War nett, mach’s gut, bis bald” entzwei.

Kid Glover ist 16 Jahre alt und lebt in einer britischen Provinzstadt, die ihren Stolz aus einer Zeit bezieht, in der sie Hauptstadt war. Die liegt über 1300 Jahre zurück und musste von der Besatzungsmacht der Römer militärisch auch noch abgesichert werden. Im New Yorkshire der 80er ist das immerhin etwas. Eboracum hatte man geheißen und über Northumbria geherrscht. Der Tourismusverband fertigt Schneekugeln und Nippes an, der die glorreiche Zeit mystifiziert und an die Verwertungskette des beginnenden Merchandising-Zeitalters aufschließt.

York – eine Provinzstadt von 100.000 Einwohnern, wie sie überall in Britannien gefunden werden kann, in jedem Land Europas – auf der ganzen Welt. Wer war bei den Römern eigentlich nicht Hauptstadt eines Kleinstbezirks?

In den frühen 80ern ist der Punk bereits mausetot, Malcom McLaren reich und den Jugendlichen die ideale Projektionsfläche genommen, sich ex negativo aus dem Pop heraus meißeln zu können. Duran Duran, Kajagoogoo und Culture Club sind ferne Zukunft und der New Wave bildet ein Refugium außerhalb der TOFTP, in das sich Nachwachsende flüchten dürfen. Gary Numan, Joy Division, The Fall, The Jam und der allgegenwärtige sich immer wieder neu erfindende David Bowie bilden ihren Horizont.

2001 wird nur Bowie noch übrig sein, ein Model geheiratet haben und auf MTV2 mit langen braunen Cobain-Haaren Schmalzballaden singen. Kid Glover ist arbeitslos, trägt die Anzüge toter Männer auf und treibt ziellos durch den Alltag:

“Eigentlich suchte ich für die kommenden vierzig Jahre oder so keine Arbeit – tagein, tagaus das Gleiche -, an deren Ende es eine Uhr mit Gravur für langjährige Firmentreue gab. Ich wollte nicht eines Tages nach Hause kommen, einen Katalog auf den Küchentisch schmeißen und sagen: “Ist eh alles nur Scheiß, Audrey.”

Harland Miller greift Kids Ziellosigkeit und Seinsvergessenheit auf und verleiht ihr als Ich-Erzähler eine lakonische Stimme, die mit kühlem Humor berichtet, dabei aber stets die Reserviertheit des Dokumentars behält und die eigene Beteiligung aus dem Vordergrund zieht. Kid lebt in den Tag, träumt keine Visionen und beschwert sich auch nicht – er ist einfach da und laviert ohne Scham und Eifer durch den Tag. Millers Syntax passt sich dem Protagonisten an. Zwar von trockenem, kühlen Humor durchwoben, bewahrt er sich einen souveränen Erzählstil, bleibt scheinbar unbeteiligt und verliert sich gemeinsam mit Glover in “unwichtigen” Details, die für die Gesamtschau des entworfenen Panoramas North Yorkshires notwendig bleiben. Stets behält er den Kern im Auge, dem er sich über die Fransen eines ausfasernden Roten Fadens annähert und über Beschreibung der Alltagswelt der frühen 80er allmählich einkreist.

Eine Zeit, in der man die Kunden noch in Läden lockte, da man ihnen das Videospiel “Space Invaders” anbietet, und T-Shirt-Design&Druck noch hip und neu ist und den Mis-shapes eine Einkunftsquelle jenseits von Sozialhilfe, Schlachthof und Schokoladenfabrik bietet. Ziggy Hero ist der Star der Mis-shapes von York. Kid bewundert ihn aus der Ferne und lernt ihn bald kennen. Hero bläst seine kleines Leben zu einer schillernden David Bowie-Interpretation auf. Er folgt den Trends und Spleens des Stars und klatscht sich, wenn nötig auch Bräunungscreme ins Gesicht, wenn das Idol in einem NME-Interview “erholt, erfrischt und braun” erscheint. Bald provoziert Ziggy auch Schlägereien, um sich das Auge wässrig schlagen zu lassen, um es Bowies linksseitiger Sehschwäche mehr anzuähneln. Und wie Bowie schlüpft er aus einer Form in die nächste, bis er Ende der 80er zu jemandem geworden ist, der zwar noch altes Talent besitzt, nicht mehr jedoch den Willen und die alte Haltung.

In Ziggy finden sich die Grenzen zweier Zeitalter und tun dort bald einen Riss auf, da diese Annäherung nicht zu halten und allein dadurch zu schließen ist, sich dem neuen entweder anzufreunden oder im alten zu verharren. Der unabhängige Rebell, bereits in die Passivität eines Hedonisten und Epikuräers treibend, trägt die Krume der modernen Mediengesellschaft in sich, in der Marketing und transportierter Starkult mehr wiegen als Persönlichkeit und selbstdefinierter Charakter. Je mehr Ziggy der Schimäre Bowie verfällt und höher und höher steigt in seinem Ansehen, desto weiter verlässt er den Grund, auf dem Punk und Waver sich am Abend noch freundlich “Gute Nacht” sagten und entäußert sich einer Individualität, die im Rückblick von Anfang an zersplittert und aufgesogen und bestimmt wird von den Mechanismen der Massenproduktion und massendiktierten Imagevermarktung.

Als Ziggy geht, endet der Roman. Die sich um ihn gruppierende bunte Clique löst sich auf und verliert den Zusammenhalt. Einige groteske Szenen versüßen dem Leser den Abschied aus der Hero-Welt und dann ist das Buch scheinbar zu Ende gekommen. Aber es folgt noch ein Schluss und der wirkt angepappt und aufgepfropft und driftet gerade in den letzten Zeilen ins Schwammige und Klischeehafte ab. Es scheint, als habe Miller gespürt, dem Buch fehle noch etwas, ein Satz, eine Szene zur Abrundung, welche die Dichte des mittleren Teils sich verjüngen und in das Bewusstsein des Lesers fortspinnen lässt. So springt er in die Zukunft und lässt seine Figuren Jahre später noch einmal zusammenkommen.

Selbstverständlich hat sich jeder verändert, die Ansichten gewechselt oder sanft modifiziert, aber nach den anregenden ersten 250 Seiten, wirkt dieser Abgesang allzu vorhersehbar und damit auch leicht verzichtbar. Der Schluss schadet dem Roman nicht, der durch die Lakonie des Erzählers begeistert und mit grotesken Alltagssituationen bei Laune hält und Vergnügen bereitet. Dennoch lässt sich in Abwandlung des Ziggy-Zitats sagen:

“Weshalb aufhören, wenn man abtreten kann?”

 

Bruten Butterwek

Harland Miller: “Ziggy Hero/Slow down Arthur, Stick to Thirty”, 315 Seiten, übersetzt von Peter Torberg, Nagel & Kimche 2001.

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