Eggers is back! Und wie… Motor 16.

Als ich pausenlos der Vermutung nachging, dass meine Zähne auseinander wachsen, ist es mir aufgefallen. Ich habe sie alle verloren. Sie sind tot. Und das noch bevor ich nachforschen konnte, wer sie zur Kenntnis nahm. Wo sind sie bloß hin, meine vertrauten Gefühle?

 

Erst wachsen sie auseinander, dann sind sie alle weg!

Erst wachsen sie auseinander, dann sind sie alle weg!

Während ich mich dieser Frage stelle und erfolglos versuche, zu weinen, stelle ich fest, dass ich halb zugedeckt in meinem Bett liege und an die Decke starre. Ein leichter Hauch von Müdigkeit dreht meinen Körper mühsam zur Seite. Ich erschrecke mich noch nicht einmal als ich schließlich eine Person entdecke, die neben mir liegt. Hoffentlich ist diese kein Mann, sonst fange ich erneut an, an meinen sexuellen Vorlieben zu zweifeln. Ich hebe kurz die Decke auf ihr hoch und gewahre weibliche Formen. Das Gesicht dieses Subjekts versteckt sich in einem meiner Kissen, sodass ich es nicht identifizieren kann. Vielleicht kenne ich diesen Jemand sogar, vielleicht auch nicht.

Das wird mir schnell egal, denn ein seltsam obligater Einfall überkommt meine Reaktionsfähigkeit in gleicher Sekunde. Ich schalte meine Stereoanlage mit einen gezielten Lied, meiner Meinung nach passend zu jetziger Situation, an und hoffe auf die Rückkehr verschollener Emotionen.

“Lay me low” von Nick Cave benutze ich gewöhnlich als Akzentuierung aller Traurigkeiten, die meine Disposition zerfressen. Ich will jetzt heulen.

 

If you wanna be my friend

And you wanna repent

And you want it all to end

And you wanna know when

Well do it now Do it now

Take a long last bow

Take my hand

Make a stand

And blow it all to hell

Lay me low…

When I go…

 

Es funktioniert jedoch nicht. Das einzige Gefühl, das ich in selbigem Moment glaube, wahrzunehmen, ist, dass ich verzweifelt versuche, mindestens neunzig Prozent der Gesamtmuskulatur meines Gesichts anzuspannen, um auch nur eine Träne zu weinen und natürlich, dass meine Zähne auseinander wachsen.

Nebenher kämpfe ich mit meinen Gedanken um die Wahrheit dieses Gefühls. Ich versuche, diesen Kampf zu gewinnen indem ich mich vor meinen Badezimmerspiegel stelle und mir mein Gebiss zeige. Die Zähne sehen teilweise gelblich verfärbt und schwammig aus. Wenn ich mit meiner Zunge darüber fahre, bewegen sie sich leicht. Sie sind weich wie Gummi und ich eruiere einen leichten Schmerz, wenn ich sie zusammenbeiße. Endlich, ein Gefühl. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich meine Zähne zuletzt geputzt habe. Es muss ebenso schon über eine Woche vergangen sein, als ich etwas gegessen habe. Oder doch einen Monat? Vielleicht war es aber auch erst gestern, ich kann mich nur nicht mehr daran erinnern. Fortwährend schaue ich meinem Ober- und Unterkiefer beim Beißen zu. Von dieser zähweichen Konsistenz bin ich immer noch beeindruckt. Einst waren sie hart und weiß. Jetzt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich mit ihnen Kauen kann, was aber für mich sogleich unwichtig wird, da ich sowieso auch das Gefühl des Hungers vollkommen ausgeschalten habe. Auch stelle ich fest, dass meine Zähne gar nicht auseinander wachsen, sondern immer noch so positioniert sind, wie ich sie in Erinnung habe. Davon bin ich überhaupt nicht erleichtert, wünschte aber ich wäre es. Desinteressiert von dieser ganzen Zahngeschichte drehe ich mich um, da ich ein menschliches Geräusch bemerke, das aus der Richtung meiner Badewanne ertönt. Darin liegt ein Tranvestit, nur in einer Bluse gekleidet.

Selbst dieser Anblick lässt mich völlig kalt, also wende ich meinen Blick wieder zum Spiegel. Langsam überkommt mich jedoch ein Verlangen nach irgendetwas. Ich weiß nur noch nicht was. Diese Sehnsucht baut sich, wie gewohnt, in meiner Magengegend auf und sticht mich ganz tief von innen nach außen, sodass es mich zu Boden zwingt. Ein leichtes Lächeln reißt mir die Mundwinkel auf. Ich will alleine sein. Reflektiv will ich diesen Niemand, den ich vorhin geortet habe, aus meinem Bett suspendieren und reiße ihm, oder hoffentlich ihr, die Decke vom Körper.

Was ich nun vernehme, konsterniert mich glücklicherweise. Es ist Frederick, der die ganze Zeit darunter lag. Er sieht abgemagert aus. Ich denke, er würde gerne etwas sagen, winkt mir aber nur lächelnd mit halbgeschlossenen Augen zu. Jetzt fange ich endlich an, zu weinen.

 

Lale Nikki Eggers

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