Eggers hat ihre Tage. Fuffzehnter Motorblock.

 

Vor wenigen Monaten, oder möglicherweise auch Jahren, habe ich mal folgenden Satz gesagt: Es kann nie eklig genug werden. Dadurch wollte ich meine Furchtlosigkeit gegenüber Absurditäten aller Art demonstrieren und mich in ein verrucht ausschweifendes Licht stoßen. Bisher hat das ganz gut funktioniert. Ich skizziere diesen Lauf der Dinge solchermaßen: Ein gesunder Hang zu grotesken Aktivitäten weckt die Lust an derartigen Steigerungen, also summiere ich meine Aktionen um ein Vielfaches. Diese immer höher werdende Summe führt schließlich zu törichter Verdorbenheit und diese baut eine Mauer aus Heiligtümern um mich herum auf. Heiligtümer bedeuten automatisch Macht und Ansehen, was mich dann auch wieder zu lachhaft dämlichem Leichtsinn verführt. Mittlerweile habe ich sogar schon fast Angst vor meinem stetig wachsenden Leichtsinn und bombardiere mich mit der Vermutung, ob dieser derweil größer geworden ist als ich selbst.

Nach Leichtsinn folgt normalerweise der Moment der Reue.

Doch der tritt nun immer später, oder auch gar nicht, ein. Das merke ich jetzt gerade, wenn ich über ein Geschehnis letzter Woche nachdenke und die eigentlich altbekannte Reue sich, nach längerer Zeit, ungeahnt wieder zu Wort meldet. Ich hätte das nicht tun sollen. -Ein Satz, den ich mir ewig nicht mehr zugestanden habe. Was ist bloß in mich gefahren? Ich muss ja inzwischen völlig behämmert geworden sein! Verblödet, verdreht, merkwürdig, geisteskrank, PERVERS und wahrscheinlich auch noch auf hässlichste Weise sadistisch. Ich glaube, jetzt kriege ich Angst vor meinen neu erforschten Eigenschaften. Aber gut für meine Selbstreflexion, dass ich sie mir selbst eingestehe. Frederick und ich haben letzten Donnerstag sein Avancement gefeiert, leider in Gesellschaft vieler bewusstseinserweiternder Drogen. Wir haben uns an Bernhards Koks und richtig schlechtem Speed bedient, als mir eine Lady aufgefallen ist, die wir hundertprozentig gekannt haben.

 

Tampon und Moral

Tampon und Moral

Danielle, unsere alte „Freundin“ aus dem Fischcafé. Wir haben sie uns schon einmal teilen wollen, haben dann aber per Loszettel ausgeknobelt, wer sie zu sich nach Hause nimmt. Damals ist Frederick ausgewählt worden. An jenem Abend sind wir jedoch zu einer neuen, innovativeren und vor allem vollkommen unzulässigen Lösung gekommen. Sie ist, zugegebenermaßen ausnahmslos unmoralisch und auf alle Fälle strafbar gewesen. Irgendwann ist Danielle so besoffen und verkokst gewesen, dass sie uns mit schallendem Gelächter in einen dieser misslungenen Clubs gefolgt ist. Fredericks Augen sind schon peinlich rot angelaufen, als ich ihn um acht Uhr morgens verwirrt angeschaut habe, aber ein kaputtes Grinsen in seinen Mundwinkeln ist noch drin gewesen. In einem kleinen Gefäß in seiner Jackeninnentasche hat sich zu dieser Zeit eine obskure Substanz namens Gamma-Hydroxy-Buttersäure befunden, ein angebliches Kundenbindungsgeschenk von Bernhard.

Unsere tagsüber so treuen Freunde, Ernsthaftigkeit und Gefährdung, haben sich in diesem Moment unter dem Teppich versteckt oder sind schon nach Hause gegangen. Irgendwann haben wir noch nicht mal mehr nach ihnen Ausschau gehalten. Als unsere Dame der Begierde sich für einige Minuten wegen einem Toilettengang verabschiedet hat, haben wir uns an fragwürdigen Freigetränken namens „Apotheke Reloaded“ bedient und in Danielles Glas ein paar Tropfen der kryptischen Flüssigkeit absichtlich verloren. Ich fürchte, dass sich unsere Geschmacksknospen bereits mindestens hälflich reduziert haben, sonst hätten wir uns diese Cocktails, bestehend aus Kräuterlikör, Rotwein und Orangenbitter, nicht hineinkippen können. Frederick und ich sind nun schon eine gefühlte Unnötigkeit an einem rot beleuchteten Tresen gesessen und haben unqualifizierte Phrasen in die nuttige Barhure hinein gequatscht. Ich habe den Verdacht bekommen, dass sie sich uns zum Sonderpreis verkaufen will und bin ein wenig erleichtert gewesen, als Danielle wieder aufgetaucht ist und unsere Aufmerksamkeit geplündert hat. Sie ist auffällig am Schwanken gewesen als wäre sie gerade auf hoher See, aber das ist mir nur beschränkt aufgefallen, weil mein Gesicht eigentlich schon in ihrem Ausschnitt geklebt hat. Ich habe nicht gemerkt, wie lächerlich mein Zustand sich verhalten hat.

„Ey,… das Taxi ist da.“

Frederick hatte anscheinend eins gerufen. Das habe ich auch schon gar nicht mehr mitbekommen. Hässlich kaputt haben wir uns alle drei gegenseitig angeschaut, konnten dabei aber auch noch verschämt grinsen. Einen kurzen Augenblick später sind wir schon in Fredericks Bett gelegen. Ich habe wohl die Zeitspanne zwischen Club und Wohnung komplett ausgeschnitten gehabt. Die Sonne hat so giftig ätzend in das ungepflegte Zimmer geschienen, dass ich die dunklen Vorhänge zuziehen musste. Während noch ein kleiner linienartiger Lichteinfall durch die Szenerie geblitzt hat, habe ich Frederick halbwegs wahrgenommen, wie er sich die Hose auszog und sein Gürtel dabei klirrende Geräusche tönte. Zwischenzeitlich habe ich aus Danielle einen degoutant verbluteten Tampon gezogen als sie leise kichernd auf der Decke gelegen und sich kaum noch bewegt hat, und zwar nur, weil ich mich selbst für so human halte, dass ich es scheiße gefunden hätte, wenn ich das Ding in sie hineingefickt hätte. Frederick hat sie irgendwann hart und rigoros auf ihre Bauchseite gedreht um sie grobschlächtig in den Arsch zu bumsen. In meinem erbärmlichen Tunnelblick habe ich das noch verschwommen erkennen können, es ist mir jedoch absolut gleichgültig gewesen, weil ich auch noch in ihr kommen wollte. Mein Kumpane hat sich bereits auf den Boden gelegt, als ich versucht habe, in Danielles Vorderloch abzuspritzen, es aber nicht verwirklichen konnte, weil sie entweder nicht eng genug oder ich so zugedröhnt gewesen bin. Wie eine Tote ist sie unter mir gelegen und mich überkam eine ungewollte Gleichgültigkeit über sie, Frederick, mich selbst und den Rest der ganzen Welt. Also bin ich einfach auf ihr eingeschlafen. Am Morgen danach sind Frederick und ich alleine zwischen verschwitzten Kleidungsstücken, Zigarettenfragmenten, umgekippten Whiskeyflaschen und einem dunkelrot befleckten Teppich mit einem Tampon darauf aufgewacht. Die Dame hat sich bereits in meiner Tiefschlafphase aus dem Staub gemacht und das war auch das beste, was sie tun konnte. Irgendetwas Verfremdendes muss ich geträumt haben.

Dieser Einfall ist plötzlich in meiner benebelten Wahrnehmung aufgetaucht, als ich diagnostiziert habe, dass wir beide nur Unterhemden getragen haben. Oder ist es womöglich doch kein Traum gewesen? Irgendein semibekannter Trottel hat sich in meinen Gehirngängen penetrant festgesetzt und bei längerem tagelangen Nachdenken habe ich endlich erkennen können, wer er ist. Ich bin zwar nicht direkt mit ihm befreundet, kenne ihn aber längst fast besser als meine Klobürste. Jemand, der ich nicht bin, dieser Idiot, den ich am liebsten fristlos exhumieren will. Zugegebenermaßen muss ich jedoch feststellen, dass dieser Jemand einen Vorteil hat. Ich kann mich selbst als harmlos verstehen und jegliche Schuld der besagten Gamma-Hydroxy-Buttersäure-Aktion auf ihn projizieren. Eine einleuchtende Kognition verlässt in dieser Sekunde meine Wahrnehmung. Tatsächlich gestehe ich mir selbst ein, dass ich zu besagter Nacht in den enthumanisierten Momentanzustand geraten bin. Und ich habe vorher immer daran festgehalten, dass ausschließlich männliche Wesen ab Anfang vierzig dafür kompatibel sind.

Diese bahnbrechende Zechtour ist nun etwa vor einer Woche geschehen und erst jetzt zerfetzt mir der alte Onkel Reue voller Unbarmherzigkeit das Magengebiet. Extrem panisch schneidet auch ein selbsttötendes Mitleidsgefühl in mich hinein, als mein Verstand ganz instinktiv anfängt, Danielles Gesicht zu zeichnen, wie sie bewusstlos auf dem Bett gelegen hat. Sie hat nicht die geringste Chance gehabt, sich zu wehren. Teilweise glaube ich aber, dass sie den einen oder anderen Satz gestammelt hat. „Ich spüre dich gar nicht“, müsste sie von sich gegeben haben. Diese Rückblende habe ich wohl auch eine Woche lang vergessen oder sogar verdrängt? Wie praktisch, dass Jemand, der ich nicht bin, sie mir zu stillen Momenten vor Augen hält. Plötzlich frage ich mich auch, wie es Danielle am nächsten Morgen ergangen ist, was sie jetzt über Frederick und mich denkt und ob sie uns wegen Körperverletzung anzeigen würde, beziehungsweise könnte. Letztere Frage macht mich so nervös, dass ich anfange, wie wild mit den Zähnen zu knirschen. Ich habe noch nicht einmal den Drang dazu, eine Gewohnheitszigarette zu rauchen, trinke nur literweise stilles Wasser und erkläre meinem Unterbewusstsein, dass es nun an der Zeit für positive Aspekte ist, die meine Unschuld versiegeln.

Wir leben in einer Großstadt, treiben uns fast jeden Abend im Nachtleben rum, bereichern uns an übermäßig viel Alkohol und reden mit unzähligen Menschen, die wir nach nur einem Wiedersehen sofort als „Bekannte“ eruieren. Es ist wie ein Sog, der uns alle in sich hineinzieht. Je später die Stunde, desto skrupelloser und verbissener wird er. Sollte Danielle zufälligerweise nicht zu diesem „wir“ zuzuordnen sein, würde ich lachen müssen. Die ist doch so unbekümmert verkommen. Immer wenn ich sie sehe übertönt ihre sirenenartige Stimme sogar den lautesten Bass, ihre Gestik wirkt wie ein Riesenrad mit Nagellack und den Wodka hat sie des Öfteren mehr im Ausschnitt als in der Hand. Dieses Mädchen weiß nie, wann die Party ausufert. So sehe ich sie zumindest. Ich kenne sie zwar nicht besonders gut, fühle mich aber nun befreiter, wenn ich daran festhalte, dass sie uns diese zerfressene Nacht nicht übel nimmt und male mir gleichzeitig ein Bild, wie sie ähnliche Aktionen jede Woche erlebt. Immerhin habe ich sie noch nie ohne männliche Begleitung gesehen. Tagsüber existiert sie für mich nicht, genauso wie Bernhard. Das sind Leute, die ich in die Kategorie „ominöse Nebensächlichkeiten des Nachtlebens“ einordne. Sie haben in meinem Alltagsleben nichts zu suchen.

Ebenso bin ich über keinerlei Einzeilheiten aus deren Privatleben informiert und bevorzuge es auch, mein eigenes vor ihnen geheim zu halten. Ich bin außerdem ganz zufrieden damit, sie als überflüssig zu interpretieren, finde ihre Präsenz hingegen trotzdem zeitweise ganz amüsant um am nächsten Morgen etwas zum Lachen zu haben. Dennoch kann ich meine Erinnerung noch nicht vollständig beseitigen und lasse mich weiterhin von diesem unbequem bitteren Reuegefühl anfressen. Ich kenne die Reue sehr gut und sie mich mit Sicherheit ebenso. Doch sie bleibt, je nach Bedarf, nie länger als drei Tage zu Besuch. Kennt meine nächtliche Euphorie noch irgendwelche Grenzen oder ist meine Hemmschwelle schon zwischen kiloweise Rauschmittel versunken?

Es fühlt sich gerade so an, als ob ein paar Bruchstücke meines Gehirns abfallen oder sogar vergammeln würden. Ich stelle mir das sofort bildlich vor und denke an einen halb verfaulten grünen Apfel. Von vorne sieht er noch ganz frisch und glänzend aus aber hinten breitet sich ein gelbbraunes schrumpliges Faltenfeld aus, das immer größer zu werden scheint. Kokain zerstört das Gehirn. Daran muss ich leider immer glauben, während ich mich an Drogendokumentationen aus dem früheren Biologieunterricht der Gymnasialzeiten erinnere. Dopamin bleibt durch den Konsum dreihundertmal länger aktiv als im Normalzustand. Das Rauschmittel schädigt die Rezeptoren dauerhaft und auch wenn diese sich bei längerer Abstinenz wieder regenerieren, stellen sie nie wieder ihre ursprüngliche Leistungsfähigkeit her.

Koksen macht also dumm.

Eigentlich sollten diese bescheidenen Hinweise den menschlichen Verstand davon abhalten, es zu konsumieren, scheitern jedoch daran, weil es immer und überall genügend Faxenmacher gibt, die sich zum Übermut hingezogen fühlen. Ich wäre manchmal lieber kein Exemplar dieser Gattung, kann es aber zu gut nachvollziehen, warum viele andere einen ähnlichen Plunder wie ich fabrizieren. Fakt ist jetzt, ganz trocken gesagt, dass sich mein Gehirn in der Phase der Konzentrationsstörungen und Depressionen befindet. Das ist keinesfalls in Ordnung und es muss sich zügig etwas in meinem Leben ändern!

Vielleicht sollte ich meine Nächte nicht mehr im Fischcafe verbringen? Wobei mich Frederick spätestens morgen sowieso wieder überreden würde, ihn dorthin zu begleiten. Jedoch erinnere ich mich gerade an ein Fischcafe ohne Koks. Das war beim ersten und zweiten Mal, als ich dort gewesen bin. Es ist also machbar, die Droge zu umgehen. Dazu muss ich aber mehrere Leute an einem Abend vollkommen ignorieren. Hinzu gehören: der Barkeeper, Bernhard ohnehin, ein paar abgedrehte Schlampen, deren Namen ich immer vergesse und eventuell auch Frederick, wenn er mit einem der genannten Personen redet. Das kann doch gar nicht so schwierig sein, denke ich mir und versuche, meine fast leere Wasserflasche anzulachen. Lachen tue ich in letzter Zeit nämlich immer seltener. Gerade heute fühle ich mich allenfalls sozial inkompatibel. Lieber verbringe ich den Rest des Tages allein zuhause als mit Menschen reden zu müssen. Vielleicht finde ich noch einen passenden Zeitpunkt, an dem ich mich ganz ausgelassen intensiv und ekelhaft dramatisch selbst bemitleiden kann.

Schließlich habe ich mich seit langer Zeit nicht mehr derartig gehasst. Sämtliche Wege zur Euphorie scheinen mir für immer versperrt und ich erinnere mich zufällig an einen Satz, den Türsteher Fritz vor wenigen Tagen oder Wochen zu mir gesagt hat. „Wenn du kokst, kannst auch gleich Heroin nehmen.“ Zunächst habe ich nicht verstanden, was er mir damit prophezeien will, doch nun umschließt mich sanft eine Decke der Einsicht.

Fakt ist, dass sich das Leben des Alexander Roth revidieren muss, solange er noch Alexander Roth sein will.

Vor allem das Reden in der dritten Person ist mir fremd. Damit fange ich an und stelle es fristlos ein.

 

Lale Nikki Eggers

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