Moto Guzzi 14. Der neue Eggers ist da.

 

Hoffentlich störe ich nicht, wenn ich unangekündigt in seine Wohnung platze, aber fragmentarisch baue ich schon ein Sorgenempfinden für Frederick auf.

 

An diesem trüben verregneten Sonntagnachmittag fliegt mir rasch eine Wolke aus alkohollastigen Dünstungen entgegen als ich die Tür seiner Wohnung aufschließe. Vereinzelt liegt in jeder Ecke eine Aufhäufung von Müll herum. Verpackungen, Abfalltüten und vor allem reichlich leere Flaschen in allen Varianten. Von Whiskey über Champagner bis hin zu kleinen Schnapsflaschen ist alles dabei. Auf dem Teppich im Flur hat sich eine Zigarette eingebrannt. Ich weiß, dass er nicht die ordentlichste meiner Kontaktpersonen ist, doch in einem solch unmanierlich tragischen Zustand habe ich diese Räumlichkeit zuvor nicht erlebt.

Ich rufe seinen Namen und laufe langsam durch die zwei Zimmer, Küche, Bad. Da ich keinerlei Antwort oder auch nur ein minimales Lebenszeichen erhalte, gehe davon aus, dass Frederick außer Haus ist. Trotzdem wundere ich mich, warum die Bilder an den Wänden schief hängen und der Boden teilweise klebt. Auf dem Küchentisch liegen Koksreste, die ich aber als unbedeutend vermerke, weil ich diese Art von Abendgestaltung von meinem Kumpanen gewöhnt bin.

Nur ein Taschentuch?

Nur ein Taschentuch?

Irgendwann höre ich jedoch eine strapaziöse Stimme aus einem hinteren Zimmer knarzen. Diese erinnert mich an Tage, an denen sich mein Hals anfühlt, als wäre ein alter vertrockneter Baumstamm darin gefangen.

“Hol mir mal ein Taschentuch!”

Ich glaube, er ist doch zu Hause, zumindest physisch. Als ich sein sogenanntes Wohnzimmer, zumindest war es einst ein solches, bertrete, würden mir meine Augen lieber verschweigen wollen,  was sie dort sehen. Er hätte ruhig ins Klo oder Waschbecken kotzen können, das wären nur vier Meter Luftlinie gewesen. Stattdessen ist er so bescheuert gewesen und hat seinen Mageninhalt im Bett entleert. Höchstwahrscheinlich ist das der Grund, warum er nun, scheinbar gelähmt, auf dem Boden liegt.

Nett, wie ich ganz gewiss bin, gebe ich ihm trotzdem ein Taschentuch. Er kommt mir vor wie ein Schwachsinniger, als er nicht wie jeder andere in dieses Stück Papier schneuzt, sondern sich mühevoll die rote Plörre, die ihm aus der Nase fließt, abreibt. Ich schaue mich prüfend in diesem Zimmer um und lokalisiere zusätzlich unzählige weitere Blutspuren, die sich quer durch den Raum erstrecken.

“Alles aus deiner Nase?”, frage ich etwas restriktiv.

Er schüttelt den Kopf und fängt an ungewohnt makaber zu lachen. Dass er mich desöfteren verbal missachtet, ist für mich nichts Neues. Eine Stunde später verlasse ich, der Fassungslosigkeit verfallen, diesen Schrottplatz und versuche die Fragezeichen, die Frederick in meinem Gewissen verteilt hat, zu entladen.

Wo fängt Perversion eigentlich an?

Und wo hört sie auf?

Hört sie überhaupt auf? Die Lust auf Nikotin ist momentan seltsamerweise komplett verflogen, was ich als vollkommen angemessen empfinde. Bier oder Wein wären jetzt ebenso unangebracht. Kaffee sowieso. Also vergreife ich mich an den Keksen, die mir Emma gestern geschenkt hat und fühle mich stückweise in meine Kindheit zurückversetzt. Dabei lasse ich meine Gedanken durch meine Erinnerungswelten schweben und stelle etwas Hilfreiches fest. Egal, welche Leute ich in meinem gesamten Leben kennengelernt habe, ich habe nie die mutwillige Absicht vertreten, jemandem ein Leid zuzufügen. Ich kenne das Mädchen zwar nicht, von dem mir Frederick soeben erzählt hat und er möglicherweise auch nicht, trotzdem frage ich mich, welche kuriosen Impulse eine Gier dazu antreiben können, sexuelle Gewalttaten auszutragen.

Ich stopfe mir einen Keks nach dem anderen hinein und hoffe, dass nur die Rauschmittel daran schuld gewesen sind. Dennoch klebt eine wichtige Frage in meinem Gesicht.

Wer ist eigentlich Frederick?

 

Lale Nikki Eggers

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