Ein sehr lesenswerter Artikel über die Kunst des Übersetzens von Thomas Gunkel selbst. Thomas Gunkel überträgt seit Jahren mit großem Erfolg dee Texte von Autoren wie Stewart O’Nan, William Trevor, Jon Krakauer und Schrifstellerinnen wie Beth Nugent und Francine Prose ins Deutsche.

Liest man in einer der großen deutschen Zeitungen die Rezension eines von einem ausländischen Autoren verfassten Buches, wird dort oft von der eingängigen, stilistisch vollendeten Sprache des Autors gesprochen, als hätte dieser das Buch auf Deutsch geschrieben. Hat er aber nicht. In der Regel beherrscht er nicht einmal die deutsche Sprache.

Die deutsche Fassung – und damit auch die eingängige, stilistisch vollendete Sprache – stammt von einem deutschen Übersetzer. Nun könnte man meinen, wenn der Autor ein stilistisch hervorragendes Buch vorgelegt hat, muß der Übersetzer das doch nur noch im Deutschen abbilden. Weit gefehlt: Selbst eine angeblich so einfache Sprache wie das Englische läßt sich im Deutschen niemals eins zu eins abbilden. Das verhindert bereits der unterschiedliche Satzaufbau in beiden Sprachen. Wie groß muß der Unterschied aber erst bei Übersetzungen aus dem Arabischen oder dem Chinesischen sein?

Doch kehren wir zurück zum Englischen. Hat ja jeder in der Schule gelernt, kann also nicht so schwer sein. Was aber macht eine literarisch gute Übersetzung aus? Muß sie sich wortwörtlich an das Original halten? Oder wenn nicht, wie weit darf sie sich davon entfernen? Ich möchte diese Frage mit einem Beispiel beantworten. Die wortwörtliche Übersetzung des Satzes

Translation

Translation

„The clubhouse was low and winged and of white brick, slate-shingled and blanketed in spots with ivy“ (Stewart O’Nan: „A World Away“) wäre bei wörtlicher Übersetzung im Deutschen zwar lesbar, aber sehr hölzern:

„Das Clubhaus war niedrig und geflügelt und aus weißem Backstein, mit Schieferschindeln gedeckt und stellenweise mit Efeu bedeckt“.

Stilistisch gut wird er erst, wenn sich die deutsche Übersetzung im Satzbau vom Original entfernt:

„Das Clubhaus war ein niedriger, mehrflügeliger weißer Backsteinbau mit Schieferdach, an manchen Stellen von Efeu überwuchert“ (Stewart O’Nan: „Sommer der Züge“. Deutsch von Thomas Gunkel).

Zwar hat sich die Übersetzung vom Satzbau des Originals entfernt, doch sie transportiert den Inhalt des Satzes elegant ins Deutsche. Dieses Beispiel soll zeigen, daß Übersetzen nicht nur Handwerk, sondern auch Kreativität und, vor allem, eine sichere Beherrschung der Zielsprache erfordert. Der Übersetzer ist also – wie man als Uneingeweihter denken könnte – nicht nur Handwerker, sondern auch kreativer Künstler. Die Übersetzung, die er schafft, ist keine Kopie des Originals in einer anderen Sprache, sondern ein eigenständiges Werk. Deshalb gibt es bei übersetzter Literatur zwei Urheber: den Autor und den Übersetzer. Daß der Übersetzer ein zweiter Urheber ist, dürften die wenigsten wissen. Diese Tatsache wird selbst in den Verlagen gern verdrängt, sonst würde man die Übersetzer nicht mit solch unangemessenen Honoraren abspeisen – was durch das neue Urheberrechtsgesetz geändert werden soll. Und auch in den Medien wird die Urheberschaft des Übersetzers zumeist übersehen.

Wie aber wird man Übersetzer? Eine schwer zu beantwortende Frage, aber ich denke, daß man sich zunächst einmal zu dieser Tätigkeit hingezogen fühlen muß. Inzwischen gibt es in Deutschland mehrere Studiengänge, in denen literarische Übersetzer ausgebildet werden. Und doch bin ich der Meinung, Literaturübersetzer wird man nicht durch ein Studium. Unverzichtbare Voraussetzung sind die Beherrschung der Original- und vor allem der Zielsprache, wichtig fürs Übersetzen sind aber auch ein gerüttelt Maß an Lebenserfahrung und eine nicht zu bändigende Neugier. Die Sprachbeherrschung mag man an der Universität erlernen oder zumindest vertiefen können, die Neugier muß jedoch bereits vorhanden sein und Lebens- und Berufserfahrung erwirbt man mit der Zeit. Stellen wir uns einen Menschen vor, der die oben angeführten Voraussetzungen erfüllt – er interessiert sich fürs Übersetzen, hat ein Sprachstudium absolviert, beherrscht die deutsche Sprache überdurchschnittlich gut und möchte nun Literaturübersetzer werden.

Wie stellt er das am besten an? Es gibt kein Patentrezept – am besten ist es, man kennt jemanden aus der Literaturbranche und kann anhand einer Übersetzungsprobe sein Talent unter Beweis stellen. Es gibt auch Leute, die einen ausländischen, noch nicht ins Deutsche übersetzten Autoren entdecken, ihn übersetzen und den Autoren bei einem deutschen Verlag unterzubringen versuchen. Der Weg ins Literaturübersetzen führt aber letztendlich immer über einen Verlag, den man mit seiner Arbeit überzeugen muß. Ob man schließlich an anspruchsvolle Autoren wie Stewart O’Nan gerät, ist natürlich auch Glücksache. Hat man dieses Glück, rückt man etwas mehr ins Rampenlicht, damit aber auch ins Visier der Kritik. Eine fachmännische Beurteilung der Übersetzerleistung findet in Rezensionen nur selten statt. Läßt sich das Buch im Deutschen gut lesen, wird das zumeist als Verdienst des Autors hingestellt, nur wenn die Übersetzung (wirklich oder auch nur scheinbar) mißlungen ist, wird der Übersetzer ausdrücklich erwähnt. Da braucht man manchmal ein dickes Fell, aber das ist in anderen Berufen von öffentlichem Interesse ganz ähnlich. Dieser negativen Seite steht ein höchst befriedigende Arbeit gegenüber, die für vieles entschädigt. Zum Abschluß noch ein Satz zur meist gestellten Frage an einen Übersetzer:

„Hätten Sie eigentlich auch Lust, selbst zu schreiben?“

Tun wir alle längst – ständig, das versichere ich Ihnen.

 

Thomas Gunkel (editiert von Bruten Butterwek)

 

Der Artikel erschien vor einigen Jahren bereits einmal in unserem Vorgängermagazin e-salon. Die damals gültige Rechtschreibung wurde beibehalten.

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