Zwölf immer eine magische Zahl. Zwölf Menschen.  Zwölf Motoren.

 

“Nein, jetzt kann ich das nicht mehr. Es tut mir leid.”

Ich habe es endlich ausgesprochen, nur eben, dass es mir in Wirklichkeit überhaupt nicht leid tut. Tinka trägt stark geschminkte Augen, warum auch immer. Ich kenne sie nur mit dezentem Make-up. Scheiße, ich glaube sie fängt gleich an zu flennen.

“Aber jetzt sind wir doch beide schon betrunken! Jetzt ist es doch eh egal, wenn wir nochmal Sex haben.”

Sie flennt zum Glück doch nicht, zerdrückt jedoch ihre Fäuste und schaut mich an, als wäre sie ein Richter und ich ein Angeklagter. Beinahe hätte ich Angst bekommen, bin aber noch rechtzeitig davor entkommen.

“Tinka, das geht nicht. Außerdem bin ich gerade nicht nur betrunken, sondern auch noch bekokst und da kriege ich sowieso nie einen hoch.”

Nachdem ich letzteren Satz womöglich etwas zu laut ausgesprochen habe, höre ich Fritz, der genau hinter mir steht, wie er anfängt, amüsiert zu lachen. Dabei würde er im Kokainrausch sicherlich auch keine Erektion bekommen. Andererseits fühle ich in diesem Augenblick auch einen seltsam angenehmen Stolz, weil ich schließlich davon ausgehe, dass meine Aussage mir die allnächtlichen, verheirateten, verzweifelten, sexuell minderbemittelten Tanten ab Mitte vierzig vom Leib hält, die mich erfahrungsgemäß unschön betatschen. Mindestens zehn Sekunden lang haben  weder Tinka noch ich irgendein Wort verloren. Wir stehen immer noch in einer kleinen Menge aus ausgehfreudigen Nachtschwärmern während deren Blicke unsere Debatte gespannt nachverfolgen, als wären wir der Pilotfilm einer Seifenoper. Alles, was ich nun sagen könnte, um dieses eskalierte Streitgespräch zu beenden, wäre für meine Verhältnisse zu privat.

Gelüste!

Gelüste!

Ich zerreiße meine Gedankenbibliothek, verliere meinen Blick im leeren Boden und finde nicht den geringsten Anhaltspunkt. Die intelligenteste Lösung ist es vielleicht doch, einfach die Flucht zu ergreifen. Also will ich mich ganz stumpf und unfair von ihr verabschieden, als ich plötzlich ihre Faust im Gesicht habe. “Au!!”

Total jämmerlich halte ich mir die Hand an meine anschwellende Wange und schaue Tinka erst verletzt, dann rachsüchtig an. Rache! Es gibt sie doch, dieses animalisch verbotene Reizgefühl. Die Lust an Gewalt steigt mir den Rücken hinauf. Ich finde keinen Grund, warum ich mich nicht wehren soll, also verpasse ich Tinka einen satten Kinnhaken in ihre eigentlich so hübsche unschuldige Fresse. Dabei verliert sie fast ihr wertvolles Gleichgewicht und wird von der Wucht des Schlages zwei Schritte nach hinten geworfen.

Ich nehme diesen Atemzug so wahr, dass wir beide gleichzeit kaum fassen können, was ich gerade getan habe und ich spüre den empört virulenten Blick von Fritz, wie er mir spröde in die Seite sticht. Eine halbe Sekunde drehe ich mich zu ihm hin und komme mir immer noch vor wie in einer Fernsehserie, was mir aber schnell vollkommen egal wird. Als ich sie diesen winzig kleinen Augenblick nicht anschaue, tritt Tinka mir mit ihrer spitzen Hacke tief in meine Magengegend. Ausgerechnet der Ort, in dem sich meine Zaghaftigkeiten, Melancholien und Seelenschmerzen ablagern. Das tut so weh, dass ich anfange jämmerlich zu husten, nicht nur wegen ihres Stoßes, sondern auch wegen meines übermäßigen Nikotinkonsums. Meine flagrant ersichtliche Schwäche lässt eine Peinlichkeit in mir offenbaren, die rasch wieder in Revanchegelüste ausartet. Also prügeln wir noch geschätzte zehn Male wie zwei Erstklässler aufeinander. Als sie mir in die Hand beißt, kneife ich energisch Unter- und Oberkiefer aneinander, greife sie fest an ihren Armen und verlagere mein Gewicht, damit sie mehrere Schritte zurücktritt. Ich verspüre dadurch ein reines Machtgefühl und könnte ihr eigentlich noch frappantere Schmerzen erzielen, will aber wahrhaftig nur noch, dass sie verschwindet und werfe sie forsch zu Boden.

Dabei erinnere ich mich daran, dass sie mir in unseren vergangenen gemeinsamen Nächten regelmäßig eine Neigung zum Masochismus offenbart hat. Jetzt liegt sie auf dem kalten Asphalt. Ich schaue sie affektiert an und drücke mir meine Hände in die Taille, als hätte ich einen Elefanten erlegt.

“Du chauvinistischer kleiner Wichser!”

Ich erkenne eine fremdartige Desillusionierung in ihren Augen als sie mich anbrüllt. Sie wollte zweifellos, dass unsere versehentlichen Zuschauer ihre unkreative Beleidigung hören. Tinka steht nicht auf aber ich will ihr ebenso nicht helfen, also lasse ich sie liegen und verschwinde aus Überzeugung, sie würde unser Handgemenge ohnehin nicht fortsetzen wollen. Außerdem kann ich zusätzlich keine Schuld in mir selbst finden. Sie wollte Sex, sie wollte prügeln. Ich wollte einfach nur kultiviert nach Hause torkeln, wie es sich für einen chauvinistischen kleinen Wichser gehört.

 

Lale Nikki Eggers

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