Eggers motorisiert das Fischcafé. Motor #11. 

Bernhard steht zwar nur schräg links hinter mir, schaut mich aber gefühltermaßen von recht, links, oben, unten, von vorne, von der Seite und ganz stechend von hinten an. “Was soll der verdammte Scheiß?! Glotz doch jemand anderen an, du Flasche!”

An einen solchen Satz hätte ich ohne Einfluss konfuser Rauschmitteln nicht einmal gedacht, geschweige denn ihn ausgesprochen. Die Tatsache aber, dass ich ihn nun doch lauthals in Bernhards giftige Visage gebrüllt habe, ist mir sowas von unglaublich gleichgültig. Zum Glück meiner Unangreifbarkeit redet er nie viel und wenn, dann lallt er nur für das menschliche Ohr unverständliche Kunstwörter während sein Atem einen Wind aus säurelastigen Ausdünstungen bläst.

Als ich fast völlig verlangweilt mit einem Martini in der Ecke stehe, kommen mir zwei Geschlechtskrankheiten entgegen. Gonorrhö und Trichomoniasis. Eigentlich heißen sie Isabel und Helena, aber in meinen Kreisen werden sie nur noch “das Krisengebiet” genannt. In diesem Moment denke ich an Verkehrsschilder mit Aufschriften wie beispielsweise “Achtung, Betreten auf eigene Gefahr”, “Vorsicht, außer Betrieb”, “Vergiftungsgefahr” oder “Achtung, Baustelleneinfahrt!”

Ich stehe fortwährend an der Wand und versuche, leider erfolglos, sie zu ignorieren

Ich stehe fortwährend an der Wand und versuche, leider erfolglos, sie zu ignorieren

Die Krankheiten tun gerne so, als würden sie mich kennen. Noch schlimmer sind sie, wenn sie gerade mit Bernhard auf der Toilette waren. Dann tun sie nicht nur so, als würden sie mich kennen, sondern auch noch so, als wären sie meine Freunde. Ich ernenne sie zu mutmaßlichen Stalkerinnen, da sie mich gleicherweise tagsüber kennen wollen, was ich durch ihre stetige internetaffine Präsenz eruiere und schlechthin erbärmlich übertrieben finde. Ich stehe fortwährend an der Wand und versuche, leider erfolglos, sie zu ignorieren, während sie mich ununterbrochen über Fernsehsendungen für das primäre Publikum volltexten, wobei ich ohnehin kein Statement dazu abgeben kann, da ich zum Glück kein Fernsehgerät besitze.

Sie nennen mich “Alex” und bauen diese Kurzform meines Namens hinter jeden zweiten Satz ein, was ich als extrem nervig empfinde, da ich eigentlich Alexander heiße und fernerhin auch so genannt werden will, vor allem von unwillkommenen Gesprächsteilnehmern. Die beiden bedrängen mich regelrecht und ich spüre die spröde faserige Haut von Isabel an meiner Hand, die ich dabei versuche, in Sicherheit zu bringen. Das einzige was ich auf ihre anstrengenden Phrasen antworte, sind Füllwörter wie “Ja, ein bischen”, “schon, durchaus” und “nein, vielleicht ja”.

Sie erkennen meine Methode der Fremdlingsabschreckung offensichtlich nicht. Schade. Wenn sie wenigstens harmonisch korrekt definierte Gesichtszüge ausstrahlen würden, was sie jedoch nicht tun, würde ich mich vielleicht nur halbswegs intensiv vor ihnen ekeln. Dazu überkommt mich nun auch noch diese Angst, dass mich hoffentlich niemand mit ihnen sieht, bevor ich auch noch versehentlich in die Gerüchteküche der Sexualinfekte gerate. Nicht mal eine Minuten später kommen zwei onkelartige Herrengeschöpfe von hinten auf die zwei zu und zerren sie fast boshaft in übertrieben anstößige Geplänkel hinein. Ich streiche mir befreit durch die Haare, richte meine Jacke und atme tief durch, als käme ich gerade aus einem Boxkampf mit einem Gorilla. Was mache ich eigentlich wieder hier in diesem Fischcafe? Ich wäre jetzt viel lieber auf einer grünen Wiese mit Gänseblümchen, einem Picknickkorb, fünfzig Liter Orangenlimonade und einer Frau, die frei von jeglichen Geschlechtskrankheiten ist. Machbar? Unmöglich!

Solange ich in meinen Fantasien der Unschuld Wurzeln schlage und meinen Blick zwischen Rauchwolken verliere, küsst mich jemand ganz überstürzt. Es ist Helena, die nur eine Sekunde später sofort von irgendeinem dieser Onkel schallend lachend verschleppt wird, der sich mitlerweile schon im enthumanisierten Gegenwartszustand befindet, in dem er sämtliche Hemmungen und Moralvorstellungen zur Aufrechterhaltung der menschlichen Würde verloren hat. Ich stehe ängstlich und verwirrt immer noch in derselben Ecke wie vor dreißig Minuten. Was passiert jetzt nun mit mir? Kriege ich jetzt Herpes? Um nicht komplett in Panik zu geraten, überlege ich, was diese beiden Damen wohl morgen früh tun, wenn ich zu meinem Hausarzt des Vertrauens renne, um einen Generalcheck zu durchführen. Sie werden, meiner Meinung zufolge, mit vierundneuzigprozentiger Wahrscheinlichkeit in irgendwelchen fremden Betten fünfsterniger Hotelketten aufwachen, sich gegenseitig die weißen Krümel von der Nase wischen und bei hellichtem Sonnenschein nach Hause stöckeln.

 

Lale Nikki Eggers

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