Die zehnte Erbitterung des Motors.

Was war denn das?! Warum sagt der mir, dass ich wie ein Fünfzigjähriger rede?

Also das nehme ich jetzt sofort als fiese Beleidigung wahr. Ich habe ja schon seit Anbeginn unserer Bekanntschaft das Gefühl, dass Robert und ich uns nicht immer einer Meinung sind. Und das mit dem Konkurrenzkampf ist mir auch schon bewusst gewesen. Aber muss er mich jetzt so ekelhaft herausfordern? Entweder ich bin gerade anfällig für seelisch bedingte Verletzlichkeiten oder einfach nur prägnant lustig zu Agressivitätsaktivitäten.

"eine absurde Unattraktivität in seinem unvorteilhaft untergliederten Gesicht"

"eine absurde Unattraktivität in seinem unvorteilhaft untergliederten Gesicht"

Ich entscheide mich für letztere und belüge mich im gleichen Satz selber. Ja okay, von mir aus bin ich eben verletzlich. Meine emotionale Angreifbarkeit ruiniert mir zugleich die sonst in Massen vorhandene Lust an der Beteiligung am Kneipenleben. Das beste für mich wäre jetzt, einfach abzuhauen solange er sich nicht von seinen Toilettenaktivitäten zurückmeldet. Also zahle ich nicht, lasse ihn dort mit der Rechnung sitzen und räume wütend das Feld. Als ich zur Bahnstation laufe denke ich genervt grübelnd über die psychische Beschaffenheit des Roberts nach und versuche, ihn in der Bekanntenkreiskategorie “unwichtig” unterzuordnen. Dazu sammle ich derweil ausschlaggebende Argumente, die meine Einstufung aussagekräftig bestätigen.

1. Er ist Moderator für irgendeine, mir nie relevant gewordene Radiosendung. Das ist mir bis jetzt so egal gewesen, dass ich noch nicht einmal weiß, welchem Sender er seine hässliche Stimme leiht. Außerdem nerven Moderatoren sowieso. Ihre aufgespielt extrovertierte Verhaltensweise wirkt auf Nichtmoderatoren wie eine albern deplacierte Quizshow, die mit ihren unbequemen Fragen nur auf die dümmsten Antworten wartet.

2. An Tagen, die sich außerhalb des Mittwochs befinden, kenne ich ihn ohnehin nicht. Jedenfalls ist er mir bisher von Donnerstag bis Dienstags nur einmal begegnet und ich habe schließlich unauffällig genug die Straßenseite wechseln können. Frederick meidet seine Konversationen, im Gegensatz zu mir, nie. Ich halte das für unprofessionell.

3. Seine Brille verursacht eine absurde Unattraktivität in seinem unvorteilhaft untergliederten Gesicht und provoziert unschuldige Passanten zu hilflosen Aggressionen. Aber ich würde ihm auch ohne Gesichtsmöbel in die Fresse schlagen.

4. Er redet fortwährend über sein vorgeblich beachtliches Einkommen, welches in meinen Ohren illusorische Drehungen macht und in Widersprüchen stirbt. Zwischen diesen Phrasen des Selbstlobs nickt er unverzagt überzeugt und spannt seine Lippen ganz lachhaft mit unbewusster Labilität an. Während ich die Negativperspektiven seiner Existenz mehr finde als suche, frage ich mich nun, ob ihm seine Unsympathie bewusst ist und verneine dies sofort, weil er zu den Menschen gehört, die nicht gerade großkotzig mit Selbstreflexion gestraft sind. Das hat für ihn zwar den Vorteil, dass sein Ego unermüdlich ins Unermeßliche wächst und niemand auch je auf die Idee gekommen ist, einen kleinen Liter Unsicherheit aus ihm rauszuschießen. Ich will ihn dazu bringen, dass er zu sich selbst sagt:

“Robert, du bist scheiße!”

Genau so oft, wie ich mich selber scheiße finde. Das sind wohl die ungeernteten Früchte einer grobsinnlichen Wut, die ich, ganz unverhofft, in einer Mittwochnacht lokalisiere. Wut ist wohl doch eine menschliche Reaktion.

 

Lale Nikki Eggers

Post to Twitter